
In der Nacht auf Montag geht es endlich an die Goldmänner-Vergabe. Der Verleihungs-Marathon im Januar und Februar bestimmte die Favoriten – wir sagen, wer wohl gewinnt – und wer wirklich gewinnen sollte.
Wird „Avatar“ der diesjährige Oscarüberflieger? Oder heimst „The Hurt Locker“ eine ganze Kiste voller Statuen ein? Wird Österreich temporär zum europäischen Filmland Nr. 1? Mit Bestimmtheit lässt sich vor der Zeremonie im Kodak Theater in Los Angeles nichts sagen, auch wenn sich in einigen Kategorien eindeutige Entscheidungen abzeichnen. Es darf also munter drauflos spekuliert werden.
BESTER SPIELFILM
Wer gewinnen wird: „The Hurt Locker“
Der Wind hat sich gedreht: Vermochte sich „Avatar“ nach dem Triumph an den Golden Globes Mitte Januar in die Favoritenposition zu hieven, so lief ihm „The Hurt Locker“ in der Zwischenzeit diesen Rang ab. Auszeichnungen bei Produzenten- und Regie-Gilden sowie bei den wegweisenden Critics’ Choice Awards (Preis des grössten amerikanischen Filmkritikerverbandes) und zuletzt den BAFTAS sprechen dafür, dass „The Hurt Locker“ „Avatar“ wegbombt. Da sollten auch die leichten Verwirbelungen (Co-Produzent von der Gala ausgeschlossen; Vorwurf des unauthorisierten Verwendung der Geschichte eines Soldaten) nicht ins Gewicht fallen.
Wer gewinnen sollte: „Inglourious Basterds“
Ausgleichende Gerechtigkeit wäre es ja, nach der Nichtberücksichtigung von „Wall-E“ 2009 jetzt „Up“ als ersten Animationsfilm in der Hauptkategorie auszuzeichnen. Dies bleibt jedoch wohl genauso ein Wunschdenken wie die Coens ihre Dankesrede halten zu sehen, oder dass das eindrückliche Sozialdrama „Precious“ sich die Krone aufsetzen wird. Keineswegs chancenlos ist hingegen „Inglourious Basterds“. Ein Epos, welches nicht so aufgeblasen wirkt wie „Avatar“ und sich nicht so bierernst mit der Kriegsmaterie auseinandersetzt wie „The Hurt Locker“. Coolness war nie ein einschlägiges Kriterium bei den Oscars. Dieses Jahr hat die Academy aber in „Inglourious Basterds“ einen abgedrehten Film zur Wahl, hinter dem sie stehen könnte.
BESTE REGIE
Wer gewinnen wird: Kathryn Bigelow
Kaum je standen die Chancen besser, dass endlich eine Frau dieses Goldmännchen in den Händen halten könnte. Zuletzt scheiterte Sofia Coppola 2004 mit „Lost in Translation“, und auch nur, weil mit dem dritten Herr-der-Ringe-Teil DER Oscar-Überfilm der 00er-Jahre die Verleihung dominierte. Sollte „Avatar“ nicht zu diesem Überfilm entwickeln (was man im Verlaufe der Gala herauslesen kann), dann wird sich Kathryn Bigelow gegenüber ihrem Ex-Mann James Cameron durchsetzen. Diese Konstellation hätte eigentlich einen eigenen Drama-Oscar verdient.
Wer gewinnen sollte: Jason Reitman
„Up In The Air“ war der geschmeidigste Film des letzten Jahres. Ihm Oberflächlichkeit, ja sogar Sterilität vorzuwerfen – was Kritiker auch hierzulande taten – ist die Suche nach dem Riss im perfekten Ei. Jason Reitmans Werk umfasst gerade mal drei Filme. Und doch ist daraus herauszulesen, dass er sich nicht auf Dimensionslosigkeit bequemen mag, so wie es etwa sein Vater Ivan tut. Dass er schwere Themen wie Teenager-Schwangerschaften, die dreckigen Machenschaften der Raucherlobby oder sozial unwürdige Stakkato-Entlassungen nicht als eine einzige griechische Tragödie inszeniert, kann bei der Qualität seiner Filme nicht als Vorwurf durchgehen.
BESTER HAUPTDARSTELLER
Wer gewinnen wird: Jeff Bridges
Am Sonntag wird der Dude endlich Rache nehmen. Jeff Bridges wurde für seine Kultrolle als Kultkiffer im Kultfilm der Coen-Brüder bei den Oscars 1999 gnadenlos übergangen. Jetzt ist er zurück mit Bart und Bauchspeck; dieses Mal aber als knorriger Countrysänger, der seine Erfolglosigkeit im Whiskey ersäuft. Die tragischere Auslegung des Dudes also, und siehe da: schon gewinnt Bridges den Critics’ Choice Award, den SAG-Award und den Golden Globe. Zementiert wird seine Favoritenposition zudem von seiner langen und verdienstvollen Karriere, die ihm bisher vier Oscar-Nominationen einbrachte. Bridges wird die Statue nicht nur für seine Rolle bekommen, sondern auch zu einem gewissen Grad für sein Lebenswerk.
Wer gewinnen sollte: Colin Firth
Will jemand wirklich, dass Jeff Bridges nicht gewinnt? Nun, müsste man trotzdem jemand anderes wählen, dann eigentlich Colin Firth. Das filmische Palmarès des Engländers ist hochkarätig, und trotzdem ging er als Nebendarsteller vielfach unter dem Radar durch – zumindest ausserhalb Grossbritanniens. Niemand aber wird sein Gesicht nach „A Single Man“ vergessen, die brechende Stimme und die durchdringende Ermattung der Sinne, als seine Figur am Telefon vom Tod dessen Freundes erfährt. Vielleicht eben doch die stärkste Schauspielerleistung dieses Oscar-Jahrgangs.
BESTE HAUPTDARSTELLERIN
Wer gewinnen wird: Sandra Bullock
Sandra Bullock ist zweifellos einer der grössten weiblichen Hollywood-Stars der letzten 20 Jahre. Als relevante Schauspielkapazität wurde sie jedoch nie wirklich angesehen. Ihr Schwergewicht auf Komödien und Actionfilmen disqualifizierten sie jahrelang auf eine Oscar-Nomination, obschon sie nach ihrem 40. Lebensjahr zunehmend auch dramatische Rollen übernahm. Kaum aber schien es mit ihrer Karriere bergab zu gehen, kommt sie als fürsorgliche Adoptivmutter in „The Blind Side“ zu ausschweifenden Kritiker- und Preisehren. Wieso? Weil Bullock in diesem eher mittelmässigen Film mehr heraussticht als sonst. Weil sie in ihrer Figur ihr Comedy-Talent leicht mitschwingen lassen darf, ohne dabei den Ernst der Filmthematik einzuengen. Und auch, weil dieses Jahr extreme Schauspielleistungen wie etwa die von Charlize Theron in „Monster“ ausblieben.
Wer gewinnen sollte: Meryl Streep
Natürlich: Carey Mulligan war wunderbar in „An Education“. Trotzdem wäre es an der Zeit, Meryl Streep zu dem zu machen, was sie ist: Die herausragende Schauspielerin ihrer Generation. Wer 16 Mal für den Oscar nominiert ist, und davon elf Mal für die Hauptrolle, der hat diesen Titel mehr als verdient. Leider aber scheitert Streep seit nunmehr 27 Jahren an der 2-Oscar-Barriere. 1983 gewann sie ihre zweite Statue für „Sophie’s Choice“. Danach waren immer andere dran, ob verdient oder nicht. Sicherlich wünschte man sich für den Ritterschlag eine etwas zwingendere Rolle als die der TV-Köchin in „Julie & Julia“. Auch stehen selbst herausragende Leistungen bei den Oscars auf dem Abstellgleis, sind sie in Komödien erbracht worden. Trotzdem: Gegen eine Ehrung von Meryl Streep könnte kaum jemand etwas einwenden.
BESTER NEBENDARSTELLER
Wer gewinnen wird: Christoph Waltz
Er spielte schon Roy Black und in so ziemlich jeder deutschen Krimiserie, die es gibt und gab. Christoph Waltz galt lange als fleissige Schauspieler-Biene, der man vornehmlich an TV-Bildschirmen bei der Arbeit zuschauen konnte. Dann aber lud ihn Tarantino zum Schnitzelessen ein – der Rest ist Geschichte. Waltz holte sich als polyglotter SS-Oberst Hans Landa völlig zu Recht den Darstellerpreis in Cannes und später alle weitere erdenklichen relevanten Filmpreise. Dabei beschritt Waltz in seiner Rollenauslegung einen schmalen Grat: Einen durchtriebenen Nazi-Schergen so zu spielen, dass man sogar so etwas wie Sympathie für ihn entwickeln kann, geht wohl nur durch, wenn der Regisseur Tarantino heisst. Der Oscar ist Waltz nicht zu nehmen.
Wer gewinnen sollte: Woody Harrelson
Der Wirbel um Waltz kann Woody Harrelson nur Recht sein. Der Mann mit dem kräftigen Unterkiefer holte sich klangheimlich seine zweite Nomination nach „The People vs. Larry Flint“ 1997. In „The Messenger“ spielt er brilliant einen Soldaten, der Todesmeldungen den Angehörigen überbringt. Äusserlich kalt und für keine Gefühle empfänglich, innerlich zerrissen und verstört. Dass „The Messenger“ nie bei uns lief, ist eine Enttäuschung, scheint doch die Thematik dieses Dramas auch hierzulande nachvollziehbar. Ein verdienter Oscargewinn von Woody Harrelson könnte den Film doch noch zu uns bringen.
BESTE NEBENDARSTELLERIN
Wer gewinnen wird: Mo’Nique
Wir haben ja schon viele Rabenmütter auf der Leinwand gesehen. Mit welcher tiefen Gemeinheit aber Mo’Niques Figur in „Precious“ handelt, liess niemanden kalt. Auch nicht die Jurys der verschiedenen Filmpreise – wo Mo’Nique nominiert war, wurde sie auch ausgezeichnet. Zugute kommt ihr, dass ihre Rolle psychologisch und spielerisch weitaus die markanteste aller Kandidaten ist. Was will da eine Diane Kruger dagegen stellen?
Wer gewinnen sollte: Vera Farmiga
Die 80er-Fönfrisur täuscht nicht darüber hinweg, dass Alex Goran in „Up In The Air“ eine hochfliegende Geschäftsfrau der heutigen Zeit ist. Solche Geschäftsfrauen empfinden exklusive Airline-Karten als sexy und sehen Affären als Einpendelung der Work-Life-Balance an. Und doch ist von dieser Alex weit mehr zu erkennen als eine hochpolierte Fassade, und das hat auch mit dem differenzierten Spiel von Vera Farmiga zu tun. Farmiga flösst der selbstbewussten Businessdame mit der Zeit mehr und mehr geerdete Menschlichkeit ein. Und zeigt, wie wir uns in Personen doch täuschen können.
BESTER FREMDSPRACHIGER FILM
Wer gewinnen wird: „Das weiße Band“
Österreich könnte gross an den Oscars abräumen, mit Waltz als bestem Nebendarsteller und Christian Berger als bestem Kameramann. Zudem ist „Das weiße Band“ nach Auszeichnungen in Cannes, den Globes und den BAFTAS Favorit in der Sparte „Bester Fremdsprachiger Film“. Der Austria-Fraktion stösst es indes bitter auf, dass der Film als deutscher Beitrag ins Rennen geht. Lange war nicht klar, ob X-Filme Creative Pool oder die österreichische Wega Film den majoritären Produktionanteil stellte. Schlussendlich entschied jedoch die schnellere Einreichung der German Films Service + Marketing GmbH den Streit. Nach dem kürzlichen Gewinn der Trophäe 2008 ist es jedenfalls wohl nicht von Nachteil, dass am Film nicht das Austria-Etikett hängt.
Wer gewinnen sollte: „Un prophète“
17 Jahre ist es her, seit das erklärte Filmland Frankreich den letzten Oscar für den besten fremdsprachigen Film erhalten hat. Nach „Entre les murs“ 2009 rüsteten unsere westlichen Nachbarn auf und schicken sozusagen den Kandidaten 2.0 ins Rennen: Dringlicher als „Un prophète“, dieses mehrstrukturische Meisterwerk von einem Gefängnisfilm, kann ein Oscaranwärter also wirklich nicht mehr sein. Sollte „Un prophète“ nicht gewinnen, dann nur, weil er im falschen Jahr antritt und sich an „Das weiße Band“ aufreibt, welcher im Vorfeld die bedeutenden Preise gewann. Oder weil die Academy eben doch keinen Filmgeschmack hat.