SFT ‘10: “Cœur animal” von Séverine Cornamusaz
Filmfestivals, Rezensionen | 27. Januar 2010 von Lory Roebuck
Séverine Cornamusaz liefert mit ihrem Spielfilmdebüt das eindrücklichste Werk an den Solothurner Filmtagen ab. Ihr psychologisches Berglerdrama stellt wieder einmal unter Beweis, wie weit die Romandie in Sachen Filmschaffen der Deutschschweiz voraus ist.
Der wortkarge Paul (Olivier Rabourdin) lebt mit seiner Frau Rosine (Camille Japy) alleine und abgeschiedenen in einem Bauernhof in den Westschweizer Bergen. “Ho!” ruft er jeweils aus, wenn er etwas von seiner Gattin will, die er nicht viel anders behandelt, als seine übrigen Tiere – allenfalls mit noch weniger Rücksicht. Der starre Alltag der Beiden gerät erstmals ins Wanken, als Paul den spanischen Gastarbeiter Eusebio (Antonio Buil) anheuert und sich Rosines Schwangerschaft als folgenschwere Krankheit herausstellt. Nach und nach merkt Paul, wie sehr ihm seine Frau am Herzen liegt, was er aber nicht zu artikulieren weiss – wodurch er Rosine noch weiter von sich wegstösst.
Zwei Reisen
Auf zwei Reisen würde “Cœur animal” den Zuschauer mitnehmen, meinte Regisseurin und Ko-Autorin Séverine Cornamusaz im Vorlauf zur Projektion ihres Spielfilmdebüts an den Solothurner Filmtagen: Einerseits in die einzigartige Schweizer Bergwelt, die ihr Kameramann Carlo Varini mit lyrischer Pracht eingefangen hat, andererseits in den Kopf eines einzigartigen Bauern, für dessen Darstellung – oder besser: Verkörperung – Olivier Rabourdin mit einem Preis ausgezeichnet gehört. Genau wie Cornamusazs Werk selbst, das sich in Solothurn zurecht als Festivalhöhepunkt und Kritikerliebling etabliert hat. Denn “Cœur animal” weist alle Elemente auf, deren Fehlen sonst den Notstand der Schweizer Filmlandschaft aufzeigt: ein dichtes Script, eine mutige Auseinandersetzung mit dem Filmstoff und eine klare, kunstvolle Handschrift der Regisseurin. Bezeichnend für das nationale Filmschaffen ist es, dass ein solches Werk nur in der Westschweiz entstehen konnte.
Psychologisches Kammerspiel
Ganz leise aber unheimlich kraftvoll wird im abgelegenen Berghof ein psychologisches Kammerspiel vorgetragen. Paul, der Bergbauer mit dem tierischen Herz, redet kaum ein Wort mit seiner Gattin, weder beim Arbeiten im Stall noch beim gemeinsamen Abendbrot. In regelmässigen Abständen fällt er über sie her, nimmt sie nach animalischer Art von hinten. Denn Rosine ist in seiner limitierten Perspektive bloss ein weiteres Nutztier. Wie sie dieses Arschloch heiraten konnte, erfährt man nicht. Die brutale, starre Grundkonstellation beginnt Cornamusaz mit der Hinzugabe zweier Elemente langsam aufzuweichen. Zunächst interpretiert Paul Rosines Bauchschmerzen als Schwangerschaft. Weil er in ihr plötzlich eine Mutterfunktion erkennt, lässt er sie bei Tagesanbruch mal ausschlafen und greift auch ins Erbe. Daneben heuert er einen Arbeiter an, der als Ausländer erst recht ein Fremdkörper ist.
Existenzielles Drama
Pauls widerwilliger Wandel vollzieht sich im Filmverlauf minutiös, auf den Punkt genau charakterisiert. Der Spanier Eusebio ist das pure Gegenteil vom Bergbauer: faul, höflich, leidenschaftlich. Paul wehrt sich zunächst vehement, kommt diesem fremden Menschenmodell aber doch noch näher, weil Berührungspunkte da sind, nämlich die Differenzen zu und mit den Frauen. Neue Einsichten hat Paul bitter nötig: Rosine wird schwer krank und das existenzielle Drama nimmt seinen Lauf. Die Spannung in diesem sperrigen Film liegt in der Frage, ob es dieser stumpfe Mann noch rechtzeitig schafft, Mensch zu werden, ob er es angesichts seiner Sprachlosigkeit überhaupt verdient. Geredet wird wenig, geschehen tut dafür umso mehr in diesem radikalen Film, der sich mit Fredi M. Murers “Höhenfeuer” (1985) vergleichen lässt. Frenetic Films bringt “Cœur animal” am 3. Juni 2010 ins normale Programm der Deutschschweizer Kinos.
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Infos:
“Cœur animal”, CH 2010,90 Min., R: Séverine Cornamusaz, D: Olivier Rabourdin, Camille Japy, Antonio Buil, Alexandra Karamisaris. V: Frenetic Films.
Im Kino ab: 03.06.2010























= Meisterwerk








