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    SFT ‘10: “Cœur animal” von Séverine Cornamusaz

    Filmfestivals, Rezensionen | 27. Januar 2010 von Lory Roebuck

    SFT '10: "Coeur Animal" von Séverine Cornamusaz

    Séverine Cornamusaz liefert mit ihrem Spielfilmdebüt das eindrücklichste Werk an den Solothurner Filmtagen ab. Ihr psychologisches Berglerdrama stellt wieder einmal unter Beweis, wie weit die Romandie in Sachen Filmschaffen der Deutschschweiz voraus ist.

    Der wortkarge Paul (Olivier Rabourdin) lebt mit seiner Frau Rosine (Camille Japy) alleine und abgeschiedenen in einem Bauernhof in den Westschweizer Bergen. “Ho!” ruft er jeweils aus, wenn er etwas von seiner Gattin will, die er nicht viel anders behandelt, als seine übrigen Tiere – allenfalls mit noch weniger Rücksicht. Der starre Alltag der Beiden gerät erstmals ins Wanken, als Paul den spanischen Gastarbeiter Eusebio (Antonio Buil) anheuert und sich Rosines Schwangerschaft als folgenschwere Krankheit herausstellt. Nach und nach merkt Paul, wie sehr ihm seine Frau am Herzen liegt, was er aber nicht zu artikulieren weiss – wodurch er Rosine noch weiter von sich wegstösst.

    Zwei Reisen
    Auf zwei Reisen würde “Cœur animal” den Zuschauer mitnehmen, meinte Regisseurin und Ko-Autorin Séverine Cornamusaz im Vorlauf zur Projektion ihres Spielfilmdebüts an den Solothurner Filmtagen: Einerseits in die einzigartige Schweizer Bergwelt, die ihr Kameramann Carlo Varini mit lyrischer Pracht eingefangen hat, andererseits in den Kopf eines einzigartigen Bauern, für dessen Darstellung – oder besser: Verkörperung – Olivier Rabourdin mit einem Preis ausgezeichnet gehört. Genau wie Cornamusazs Werk selbst, das sich in Solothurn zurecht als Festivalhöhepunkt und Kritikerliebling etabliert hat. Denn “Cœur animal” weist alle Elemente auf, deren Fehlen sonst den Notstand der Schweizer Filmlandschaft aufzeigt: ein dichtes Script, eine mutige Auseinandersetzung mit dem Filmstoff und eine klare, kunstvolle Handschrift der Regisseurin. Bezeichnend für das nationale Filmschaffen ist es, dass ein solches Werk nur in der Westschweiz entstehen konnte.

    Psychologisches Kammerspiel
    Ganz leise aber unheimlich kraftvoll wird im abgelegenen Berghof ein psychologisches Kammerspiel vorgetragen. Paul, der Bergbauer mit dem tierischen Herz, redet kaum ein Wort mit seiner Gattin, weder beim Arbeiten im Stall noch beim gemeinsamen Abendbrot. In regelmässigen Abständen fällt er über sie her, nimmt sie nach animalischer Art von hinten. Denn Rosine ist in seiner limitierten Perspektive bloss ein weiteres Nutztier. Wie sie dieses Arschloch heiraten konnte, erfährt man nicht. Die brutale, starre Grundkonstellation beginnt Cornamusaz mit der Hinzugabe zweier Elemente langsam aufzuweichen. Zunächst interpretiert Paul Rosines Bauchschmerzen als Schwangerschaft. Weil er in ihr plötzlich eine Mutterfunktion erkennt, lässt er sie bei Tagesanbruch mal ausschlafen und greift auch ins Erbe. Daneben heuert er einen Arbeiter an, der als Ausländer erst recht ein Fremdkörper ist.

    Existenzielles Drama
    Pauls widerwilliger Wandel vollzieht sich im Filmverlauf minutiös, auf den Punkt genau charakterisiert. Der Spanier Eusebio ist das pure Gegenteil vom Bergbauer: faul, höflich, leidenschaftlich. Paul wehrt sich zunächst vehement, kommt diesem fremden Menschenmodell aber doch noch näher, weil Berührungspunkte da sind, nämlich die Differenzen zu und mit den Frauen. Neue Einsichten hat Paul bitter nötig: Rosine wird schwer krank und das existenzielle Drama nimmt seinen Lauf. Die Spannung in diesem sperrigen Film liegt in der Frage, ob es dieser stumpfe Mann noch rechtzeitig schafft, Mensch zu werden, ob er es angesichts seiner Sprachlosigkeit überhaupt verdient. Geredet wird wenig, geschehen tut dafür umso mehr in diesem radikalen Film, der sich mit Fredi M. Murers “Höhenfeuer” (1985) vergleichen lässt. Frenetic Films bringt “Cœur animal” am 3. Juni 2010 ins normale Programm der Deutschschweizer Kinos.

    Infos:
    “Cœur animal”, CH 2010,90 Min., R: Séverine Cornamusaz, D: Olivier Rabourdin, Camille Japy, Antonio Buil, Alexandra Karamisaris. V: Frenetic Films.

    Im Kino ab: 03.06.2010


    SFT ‘10: “Sinestesia” von Erik Bernasconi

    Filmfestivals, Rezensionen | 27. Januar 2010 von Lory Roebuck

    SFT '10: "Sinestesia" von Erik Bernasconi

    Der Tessiner Erik Bernasconi erzählt in seinem Spielfilmdebüt von vier miteinander verknüpften Schicksalen. Dass er zwischen seinen einzelnen Kapiteln das Genre wechselt, ist ein schönes Experiment, wirkt gesamthaft betrachtet aber etwas unausgegoren.

    Alan (Alessio Boni) ist zwar mit Françoise (Giorgia Wurth) verheiratet, geht aber lieber mit Michela (Melanie Winiger) auf Spritztour. Auf einem gemeinsamen Motorradtrip verunglücken die beiden Liebhaber in den Tessiner Bergen. Michela zieht sich nur mittelschwere Verletzungen zu, doch Alan ist fortan hüftabwärts gelähmt. Françoise nimmt den Unfall als Anlass, ihren Mann intensiv zu pflegen – und von seiner Geliebten fernzuhalten. Bei Laune gehalten wird der Paraplegiker aber eher von seinem besten Freund Igor (Leonardo Nigro); dieser beginnt einige Jahre später dann mit Michela anzubändeln.

    Sinnvermengung
    “Sinestesia” bzw. Synäsethesie bezeichnet das Phänomen, getrennte Sinnbereiche gekoppelt wahrzunehmen – z.B. Gehöreindrücke zu sehen, oder, wie im Fall von Michela, Geräusche und Gerüche mit Farben in Verbindung zu bringen. Leider ist das Spielfilmdebüt des Tessiners Erik Bernasconi weder sinnlich, noch findet es formal eine Entsprechung zu seinem Filmtitel. Michela ist Synästhetikerin (wie nicht wenige Menschen heutzutage), aber damit haben sich die Bezüge schon erschöpft. Die jeweiligen Episoden des Films vermitteln zwar unterschiedliche Eindrücke, der Wechsel zwischen den verschiedenen Genres findet aber seriell – d.h. eben nicht parallel – statt. Dieser Umstand bezeugt, dass Bernasconis filmisches Experiment doch eben nur eine Spielerei ist.

    Genresprünge
    Das ist also nicht ganz durchdacht, streckenweise aber trotzdem spannend mitanzuschauen. Bernasconi zergliedert “Sinestesia” in vier Kapitel (plus Prolog und Epilog), die die Geschichten der vier Protagonisten auf zwei unterschiedlichen Zeitebenen erzählen. Françoises Kapitel ist ein Thriller mit Horrorelementen, Igors eine romantische Komödie, Michelas ein Drama und Alans schliesslich eine Tragödie. Die Bandbreite an Emotionen, die vor diesem breiten Hintergrund gemalt werden kann, wird höchstens durch Melanie Winigers limitiertes Schauspiel behindert. Dass Michela nach dem Unfall in Barcelona einen Neuanfang wagt und Psychologie studiert, kauft man Winiger ebensowenig ab wie das verzweifelte Bestreben ihrer Filmfigur, in Alans Spitalzimmer zu gelangen.

    Konzeptregime
    Umso überzeugender sind die anderen Darsteller: Alessio Boni als gebrochener Mann, der sich über seinen Willen zum Vatersein im Unklaren ist, Leonardo Nigro als von Grund auf sympatischer Buddy, Giorgia Wurth als Ehefrau mit ausgestreckten Krallen. Schade nur, dass die Situationen, in die Bernasconi ihre Figuren steckt, immer wieder allzu offensichtlich konstruiert wirken – als müssten sie um jeden Preis dem darüberliegenden Konzept der Genrewechsel unterjocht werden. So treibt die Romanze zwischen Igor und Michela die Handlung nicht wirklich voran, und so verkommt der Mann mit dem Leberfleck im Gesicht, der den Hintergrund aller Episoden durchzieht, zur leeren Chiffre für ein unantastbares Böse. “Sinestesia” ist zwar ansprechend in Szene gesetzt, fällt konzeptuell aber weitgehend auseinander.

    Infos:
    “Sinestesia”, CH 2010, R: Erik Bernasconi, D: Alessio Boni, Leonardo Nigro, Melanie Winiger, Giorgia Wurth, Eva Allenbach, Federico Caprara, Teco Celio, Bindu De Stoppani, Roberta Fossile, Igor Horvat.


    Solothurner Filmtage: Von unregelmässigen Updates, Frankophonie, Lichtblicken und unwürdigen Sälen

    Cineast.ch, Filmfestivals | 26. Januar 2010 von Lory Roebuck

    Das Landhaus am Aareufer in Solothurn

    Ich möchte bitten, die momentan spärlichen Aktualisierungen auf cineast.ch zu entschuldigen. Die Unregelmässigkeiten haben natürlich damit zu tun, dass ich gerade an den Solothurner Filmtagen unterwegs bin – bzw. an den Journées de Soleure. Ich war (seltsamerweise) noch nie zuvor in Solothurn, weshalb mich die lokale Tendenz zum Frankophonen doch etwas überrascht.

    Da musste ich mich doch gleich bei der Visionierung eines Kurzfilms aus der Romandie geschlagen geben, weil von einer deutschen (oder zumindest englischen) Untertitelung keine Spur war. Meine Franzmatur liegt immerhin doch schon sechs Jahre zurück. So verstand ich auch BAK-Filmchef Nicolas Bideau wohl nur etwa zur Hälfte (mehr dazu im nächsten Beitrag).

    Wie dem auch sei; hier an der Aare wird wie jeden Januar der Schweizer Film gefördert und gefeiert. Zwanzig Spiel- und Kurzfilme habe ich bis jetzt geschaut – die Vielfalt war gross, die Anzahl Lichtblicke gering. Viele nette Sachen, aber vollends überzeugt hat mich soweit nur (bzw. immerhin) Séverine Cornamusazs Spielfilmdebüt “Coeur Animal”.

    Diesen und weitere Filme aus dem Programm der Solothurner Filmtage werde ich im Verlauf der nächsten Tage einzeln besprechen; aus zeittechnischen Gründen lege ich die Rezensionen zu Werken, die ohnehin bald im normalen Kinoprogramm anlaufen (z.B. “The Marsdreamers” und “Lourdes”), aber erst pünktlich zu deren eigentlichen Startterminen an.

    Zum Schluss dieses Beitrags möchte ich noch loswerden, dass die Kinoeinrichtungen in Solothurn zu wünschen übrig lassen. Das Landhaus ist eine umfunktionierte Aula mit harten Holzstühlen, mit denen man auch in der Reithalle Vorlieb nehmen muss; im Palace sind die Plätze von unten nach oben abgestuft, in den anderen Sälen gibt es gar keine Abstufung der Sitzreihen.

    Nur das Kino Canva gibt etwas her, doch ausgerechnet seine drei Säle sind am weitesten von allen anderen entfernt situiert. Einem so traditionsbewussten (und teilweise wichtigtuerischen) Festival sind solche Einrichtungen eigentlich unwürdig. Das macht die barocke Altstadt nicht wett, weil sich hier sowieso alle den ganzen Tag lang im (ungemütlichen) Kino aufhalten.


    SFT ‘10: “Nilou” von Amir Hamz

    Filmfestivals, Rezensionen | 26. Januar 2010 von Lory Roebuck

    SFT '10: "Nilou" von Amir Hamz

    Amir Hamz erzählt von einer jungen Iranerin, die von den Schweizer Bergen und Seen träumt. Sein Kurzfilm überzeugt mit einer klug gewählten Pointe und entlockte dem Publikum an den Solothurner Filmtagen immer wieder herzhaftes Gelächter.

    Die junge Iranerin Nilou (Elmira Rafizadeh) jobbt in einem Teheraner Schönheitssalon und träumt von der Schweiz. Sie lebt zwar in einem intakten Umfeld, interessiert sich aber für die Tuscheleien ihrer gleichaltrigen Kameradinnen über Jungs genausowenig wie für die Pläne ihrer Familie, Nilou endlich verheiratet zu sehen. Da begegnet sie eines Tages zufälligerweise einem Strassenhändler, der ihr ein Schweizer Sprachbuch verkauft. Nilou widmet sich mit ganzem Herzen dem Erlernen der Sprache. Diese Hingabe veranlasst Nilous Grossmutter dazu, der Enkelin eine Reise in die Schweiz zu finanzieren. Am liebsten möchte Nilou an den Zürichsee. Doch einmal in der Schweizer “Weltstadt” angekommen, muss sie verwirrt feststellen, dass niemand sie versteht.

    Applaus und Lob
    Der 24-minütige Kurzfilm des 1979 in Frankfurt geborenen Amir Hamz lief im Programm der Solothurner Filmtage als Vorfilm zu Erik Bernasconis mit einiger Spannung erwartetem Spielfilmdebüt “Sinestesia” – ein Umstand, der “Nilou” einen vollen Kinosaal verschaffte. Schlussendlich bedachte das Publikum Hamz’s Werk mit noch mehr Applaus als danach den eigentlichen Hauptfilm, und sogar “Sinestesia”-Hauptdarsteller Leonardo Nigro sprach bei der Ankündigung von Bernasconis Spielfilm zuerst noch Regisseur und Drehbuchautor Hamz (ebenfalls im Saal anwesend) ein dickes Kompliment für “Nilou” aus. Kein Wunder, hatte der Kurzfilm den Zuschauern doch wiederholt einige herzhafte Lacher entlockt.

    Arabisches Rumantsch
    Im Grunde genommen ordnet sich in “Nilou” alles um eine ganz bestimmte Pointe herum an, die Hamz gut gewählt hat und sich charmant entfalten lässt: Das vermeintliche “Schweizerisch”, das die junge Protagonistin gebüffelt hat, ist die bei uns am seltensten gesprochene der vier Landessprachen – Rumantsch. Diese Konstellation eröffnet den Raum für urkomische Situationen – wenn Nilou in einer Zürcher Herberge auf Rumantsch beispielsweise ein Zimmer buchen will, die Rezeptionistin das Zimmermädchen mit “Du chasch doch Arabisch?” nach einer Übersetzungshilfe fragt und diese sie wiederum hinweist, dass sie doch Türkin sei. Selbst der Barmann hält Nilous Rumantsch für Arabisch, bietet ihr eine Cola an, als sie eigentlich nach Arbeit fragt.

    Berührungspunkte
    So dauert es eine Weile, bis die zunenehmend entgeisterte junge Frau endlich einer Person begegnet, die sie versteht: “Sie sprechen besser Rumantsch als die meisten Schweizer”, meint die ältere Bündnerin und klärt Nilou über die Schweizer Mehrsprachigkeit auf. “Nilou” funktioniert einerseits so gut, weil er aus diesem frechen Aussenblick auf die Schweiz ein Maximum an Humor herausholtund gleichzeitig für interkulturelles Verständnis plädiert. Andererseits überzeugt Hamz auch mit einer ruhigen, bedachten Inszenierung, schönen Aufnahmen und nicht zuletzt mit dem Fund einer sympathischen und glaubwürdigen Hauptdarstellerin.

    Infos:
    “Nilou”, CH 2009, 24 Min., R: Amir Hamz, D: Elmira Rafizadeh, Esther von Arx, Nikola Weisse.


    10 Jahre NIFFF: 4. bis 11. Juli 2010

    Filmfestivals | 21. Januar 2010 von Lory Roebuck

    Das Neuchâtel International Fantastic Film Festival 2010

    Das sympathische und jedes Jahr mit vielen tollen Genrefilmen bestückte Neuchâtel International Fantastic Film Festival (oder kurz: NIFFF) feiert diesen Sommer seinen zehnten Geburtstag. Vom 4. bis zum 11. Juli sind Kinobegeisterte an das Schweizer Event für fantastische Filme, asiatisches Kino und zukünftige Bilder eingeladen.

    Die Festivalleitung hat nun ein Plakat präsentiert, das den runden Geburtstag aufgreift und einige Figuren und Themen des fantastischen Films in Szene setzt. In einer Medienmitteilung heisst es, die Fotografin Jelena Barraud setze auf eine optische Illusion und inszeniere eine zentrale Figur des klassischen und modernen Horrorfilms:

    Das Festivalplakat zum 10-jährigen Jubiläum des NIFFF

    Eine aufreizende Vampirin, die eine Geburtstagstorte mit einer brennenden Kerze anbietet und uns in eine mysteriöse Umgebung lockt. Das Leuchten der Flamme lässt eine Person erscheinen, die im Halbdunkel mit dem Hintergrund zu verschmelzen scheint. Stimmungsvoll, aber das letztjährige Plakat fand ich in seiner Ausführung gelungener.

    Wie dem auch sei, zum zehten Geburtstag dauert das NIFFF neuerdings und erfreulicherweise ganze 8 statt 6 Tage und gewinnt erst noch einen weiteren Saal mit über 400 Plätzen dazu. Zudem soll das Rahmenprogramm um viele Spezialanlässe ergänzt werden, die (wie auch das Filmprogramm) später im Jahr bekanntgegeben werden.

    Ich hatte meinen Besuch des NIFFF mehr oder weniger fest eingeplant, bis mir auffiel, dass das Festival mit der Endphase der Fussballweltmeisterschaft zusammenfällt (der 11. Juli ist der letze NIFFF-Tag und der Termin des WM-Finals). Wobei, irgendwo am Neuenburgersee findet sich bestimmt eine Grossleinwand…


    Solothurner Filmtage: Ausblick und erste Preisträger

    Aktuelle Themen, Filmfestivals | 13. Januar 2010 von Lory Roebuck

    45. Solothurner Filmtage 21. - 28. Januar 2010

    Vom 21. bis zum 28. Januar 2010 finden die 45. Solothurner Filmtage statt. Weil das nur noch eine Woche weg ist und ich vor kurzem meine Akkreditierungsbestätigung für das Festival erhalten habe, ist es jetzt Zeit für einen kleinen Ausblick. Und auf eine erste Würdigung – denn die Jury hat jetzt schon die ersten Preisträger bestimmt.

    Wie jedes Jahr legen die Solothurner Filmtage ihr Augenmerk auf das nationale Filmschaffen und präsentieren eine Auswahl an aktuellen Schweizer Filmen – darunter sowohl Premieren, als auch Werke, die nur kurz im Kino zu sehen waren. Eröffnet wird das Festival mit dem Spielfilm “Zwerge sprengen” von Christof Schertenleib. Das ganze Programm gibts in diesem PDF.

    Zu Gast ist unter anderem die neugegründete Schweizer Filmakademie, die die Kandidaten für den Schweizer Filmpreis Quartz wählt und diese am Ende der Filmtage an der “Nacht der Nominationen” bekanntgibt. Die eigentliche Preisverleihung findet dann im Rahmen einer grossen Gala am 6. März im Kultur- und Kongresszentrum Luzern statt.

    Von einer dreiköpfigen Jury um “Tannöd”-Regisseurin Bettina Oberli, Ständerätin Géraldine Savary (Kanton VD) und dem Kolumnisten Daniel Binswanger („Das Magazin“) direkt am Festival wird aber auch der “Prix de Soleure” an einen Spiel- oder Dokumentarfilm vergeben, der eine humanistische Grundhaltung überzeugend filmisch umsetzt.

    Nominiert sind „Dharavi, Slum for Sale“ von Lutz Konermann, „Breath Made Visible“ von Ruedi Gerber, „Die Frau mit den 5 Elefanten“ von Vadim Jendreyko, „Face au juge“ von Pierre-François Sauter, „Nel giardino die suoni“ von Nicola Bellucci, „La guerre est finie“ von Mitko Panov, „Waffenstillstand“ von Lancelot von Naso und „Lourdes “ von Jessica Hausner.

    In einer Medienmitteilung wurden heute auch die ersten Preisträger angekündigt. Patrick Lindenmaier, der Entwickler eines Verfahrens zum Transfer von digitalen Bilddaten auf Zelluloid, erhält den Anerkennungspreis der Gemeinde Lohn-Ammannsegg, Kamermann Carlo Varini für seine Verdienste den Ehrenpreis der Gemeinden im Wasseramt.

    Ebenfalls vergeben wird ein Preis der Filmpublizistik, der Prix Pathé. Er geht an Christoph Egger für seine Kritik „Ein kurzer Sommer der Anarchie“ (NZZ, 19.2.2009) über den Film „Home“ sowie – und das freut mich besonders – an DRS2-Kollegen Michael Sennhauser für seinen Beitrag über den Film „Maman est chez le coiffeur“ (DRS2 aktuell am 8.4.2009).


    Sundance und die Schweiz

    Filmfestivals, Schweizer Film | 7. Dezember 2009 von Lory Roebuck

    Das Sundance Film Festival in Salt Lake City, Utah

    Das Sundance Filmfestival im US-amerikanischen Salt Lake City ist eines der international wichtigsten neben Cannes, Berlin und Venedig. Unter dem Vorsitz von Robert Redford avancierte es ab 1981 zu einem der bedeutendsten Plattformen für unabhängige Filmproduktionen aus der ganzen Welt.

    Sundance verhalf Filmemachern wie Quentin Tarantino, Kevin Smith, Robert Rodriguez, Marc Forster oder Jim Jarmusch zum Durchbruch und brachte Filme wie “The Blair Witch Project” (1999), “Donnie Darko” (2001), “Saw” (2004) oder zuletzt “Little Miss Sunshine” (2006) ins breite Licht der Öffentlichkeit.

    2010 sind auch zwei Schweizer Filme am Sundance Twentyten vertreten, das zwischen dem 21. und 31. Januar stattfindet. Christian Freis “Space Tourists” tritt im internationalen Dokumentarfilmwettbewerb gegen elf andere Doks an, die aus 782 Einsendungen ausgewählt wurden.

    Neben Frei ist Pipilotti Rist mit ihrem Film “Pepperminta” in der Reihe New Frontier nach Sundance eingeladen. Die Videokünstlerin aus Grabs zeigt ausserdem ihre Video-Installation “Lungenflügel”. Die Schweiz wurde letztmals 2007 durch Andrea Stakas “Das Fräulein” am Sundance repräsentiert.

    Mehr oder weniger parallel zu Sundance Twentyten strahlt das Schweizer Fernsehen in ihrer Reihe Delikatessen zwischen dem 7. Dezember und dem 9. Februar einige Independentperlen aus, die in den vergangenen Jahren am Festival gespielt wurden. Alle Filme werden zum ersten Mal überhaupt bei uns zu sehen sein.

    Dazu gehören u.a. das Drama “We Don’t Live Here Anymore” mit Mark Ruffalo, Laura Dern und Naomi Watts, die Satire “Towelhead” von “American Beauty”-Autor Allan Ball, der Western “The Proposition” nach einem Drehbuch von Nick Cave und mit Guy Pearce in der Hauptrolle, aber auch Filme wie “The Squid and the Whale”, “Once” und “Hustle & Flow”.

    Den Anfang macht aber in wenigen Minuten “Red Road”. Der erste Spielfilm von “Fish Tank”-Regisseurin Andrea Arnold läuft heute Nacht (7. Dezember) um 23.10 Uhr auf SF zwei. In zwei Wochen (am 21. Dezember) folgt zur selben Uhrzeit der Fantasyfilm “MirrorMask” und am 4. Januar der wunderschöne Musikfilm “Once” mit Glen Hansard und Marketa Irglova.


    ZFF ‘09: “À l’ouest de Pluton” von Henry Bernadet und Myriam Verreault

    Filmfestivals, Rezensionen | 7. Oktober 2009 von Hannah Freeman

    westofpluto

    Trotz manch humorvollen und einfühlsamen Szenen leidet der als Schein-Dokumentation gedrehte Film über eine Gruppe Teenager in Quebec an der eklatanten Abgrenzung des Zuschauers aus der Welt der Teenager. Der Film wurde am Zurich Film Festival im Internationalen Spielfilmwettbewerb aufgeführt.

    Mittels Vorträgen in ihrer Schulklasse lernt der Zuschauer die Teenager im Laufe des Films kennen: Ein Junge mag Erdnussbutter, ein Mächen Ben Affleck, ein anderer Junge mag sein Skateboard und ein anderes Mädchen mag Kinder. Die Kamera folgt den Jugendlichen durch ihren Alltag, in dem schnell klar wird, wer von welchen typischen Teenager-Problemen geplagt wird. Ein Aussenseiter macht sich Sorgen um Pluto, der gerade seinen Status als Planet verloren hat - ein Thema, das durch zufällig eingefügte Szenen der Herstellung und Abschiessen der Sonde, welche vor ein paar Jahren nach Pluto geschickt wurde, durch den ganzen Film weg weiter verfolgt wird. Ein Mädchen schmeisst am Abend bei sich zuhause eine Party, obwohl es klar ist, dass sie ebenfalls zu den Aussenseitern gehört, und natürlich endet es für sie in einer mittleren Katastrophe und für die anderen in nächtlichen Exzessen. Bis zum Morgengrauen folgt der Zuschauer den Charaktern auf Schritt und tritt, sieht Lieben und Leiden und eine traurig anmutende Entjungferung.

    Bedrohliche Atmosphäre
    Henry Bernadets und Myriam Verreaults Film über das Leben einer Gruppe von Teenagern in Quebec über eine Zeitspanne von 24h wurde in typischer Indie-Manier ohne Skript und mit Laiendarstellern gedreht. Jeder von uns kann sich an seine Zeit als Teenager erinnern, wahrscheinlich mit guten und schlechten Gefühlen - und weil manche der Zeit vielleicht nachtrauern, zeigt dieser Film (wohl unbeabsichtigt) einige gute Gründe dafür, sehr froh zu sein, diese Episode hinter sich zu haben. Während Filme wie “Fucking Åmal” von Lukas Moodysson oder “Elephant” von Gus van Sant Teenagern auf eine ähnliche Art folgen, kommt selten ein so starkes Unbehagen auf wie in diesem Film, in dem eine ständige Bedrohung über allem zu schweben scheint.

    Unbehagliche Umsetzung
    Während die Jungen unter sich eine erstaunlich verletzliche und freundschaftliche Seite zeigen, sind die Mädchen grob miteinander. Sind sie gemischt, wollen die Jungs vor allem Sex - was normal ist, doch die Umsetzung bringt Unbehagen. Es schmerzt mehr als dass es unterhält, der brennenden Leidenschaft des Aussenseiters für ein hübsches Mädchen zuzusehen. Extreme Nahaufnahmen von pickligen Teenagergesichtern und unbeholfenen Zungenküssen mögen der Realität entsprechen, aber sie sind peinlich und helfen nicht, die Spannungen zu lösen -  denn schlussendlich und trotz lustigen Szenen scheinen alle zusammen auf eine Art einsam und verloren zu sein, und das Ende des Films - eine ausserordentlich lange Luftaufnahme des Sonnenaufgangs über Quebec - gibt weder Auflösung noch die Richtung für einen Schritt in die Zukunft.

    Infos:
    “À l’ouest de Pluton”, Kanada 2008, 90 Min., R: Henty Bernadet, Myriam Verreault, D: Yann Bernard, David Bouchard, Lina Bouchard, Sylvain Brosseau, Lise Castonguay, Alexis Drolet, Thomas Gionet-Lavigne, Sandra Jacques.


    ZFF ‘09: “Schwerkraft” von Maximilian Erlenwein

    Filmfestivals, Rezensionen | 7. Oktober 2009 von Hannah Freeman

    schwerkraft

    Graues Bankerleben wird zum reinen Leben auf einer kriminellen Überholspur in Maximilian Erlenweins neustem Film, der als Europapremiere am Zurich Film Festival im Rahmen des deutschsprachigen Spielfilmwettbewerbs aufgeführt wurde.

    Frederick (Fabian Hinrichs) arbeitet in einer Bank, nervt sich über schwierige Kunden, stalkt heimlich seine Exfreundin und schwatzt Leuten Kredite auf. Dies so lange, bis sich einer der Kunden vor ihm erschiesst. Von diesem Moment an fängt die graue, von Luxus übergossene Fassade zu bröckeln. Sein Schuldgefühl wandelt sich in eine Existenzfrage, und aus dieser spriesst eine Rebellion. Aus einem harmlosen Einbruch bei seinem Chef und einem CD-Klau, bei welchem er auf seinen alten Freund und Kleinganoven Vince (Jürgen Vogel) trifft, wird schnell ein krimineller Schnellspurt. Zwischen seinen Adrenalinschüben träumt er von Island - ein Ort, an dem die Menschen am glücklichsten weltweit sind, so sagt eine Studie - und seiner Exfreundin Nadine. Während er die Karriereleiter zurück in seine Jugend hinabsteigt wird die kriminelle Verstrickung tiefer, und doch scheint er mit jedem Augenblick mehr zu leben.

    Triumph ohne Realitätsverlust
    Fabians Abstieg ist als Aufstieg inszeniert, und das sieht man in jeder einzelnen Aufnahme haargenau. Über die Länge des Films sieht man immer mehr Funkeln in den Augen von Frederick, die Stränge, die er mit der Bank kontinuierlich schneidet, werden durch die neu geknüpften Fäden mit Nadine wieder wett gemacht und die Rebellion gegen die Business- und Finanzkultur ist in der Essenz ein Triumph. Trotzdem driftet die Story nie in unrealistische Gefilde ab und Handlungen bleiben nicht ohne Konsequenzen - ein Fakt, der den Filmemachern hoch anzurechnen ist.

    Grenzenüberquerung
    Mittels einfachen Techniken und bemerkenswert guter Umsetzung wird Erlenweins Werk nicht nur zu einem spannenden Kinoerlebnis, sondern ist auch ein durchdachter Film über einen Menschen, der an seine Grenzen gekommen ist - und mit vollem Bewusstsein diese Grenzen überquert. Erlenwein selbst bemerkte in der Q&A Session nach dem Film, dass die Rechnung bezahlt werden muss und dass es auch nicht seine Absicht war, eine Verherrlichung von Kriminalität zu kreieren. Glücklicherweise ist ihm das gelungen, und kombiniert mit einem ausgesprochen gutem Soundtrack, vielen Nachtaufnahmen und kontrastreichen Nahaufnahmen der Gesichter zählt der Film zu einem der besten Deutschen Produktionen der letzten Jahre.

    Infos:
    “Schwerkraft”, Deutschland 2009, 95 Min., R: Maximilian Erlenwein, D: Fabian Hinrichs, Jürgen Vogel, Nora von Waldstätten, Jule Böwe.


    Zurich Film Festival 2009: Die Preisträger

    Filmfestivals | 5. Oktober 2009 von Lory Roebuck

    Zurich Film Festival 2009 Closing Night

    Das 5. Zurich Film Festival ist zu Ende und wir stellen unsere letzten Besprechungen der von uns visionierten Festivalfilme vor. Das ZFF erlang dieses Jahr weltweit mediale Aufmerksamkeit aufgrund der Verhaftung von Regisseur Roman Polanski, der am Festival mit einem Preis für sein Lebenswerk hätte ausgezeichnet werden sollen, bei seiner Ankunft am Zürcher Flughafen aber in Gewahrsam genommen wurde.

    Ich habe bei meiner Berichterstattung über das ZFF bewusst darauf verzichtet, in die riesige Diskussion um Polanski einzusteigen. Ich finde es grundsätzlich falsch, dass die Verhaftung von Polanski auf Filmblogs wertend kommentiert wird, da die Sachlage ja absolut nichts mit Polanski als Filmkünstler, sondern mit Polanski als Individuum zu tun hat. Und das gehört halt nicht in das Themensprektrum eines Filmblogs.

    Wie dem auch sei, zur Abschlussgala des ZFF standen dann wieder die Filme im Vordergrund, als die Preisträger in den drei Wettbewerbskategorien angekündigt wurden. Im Internationalen Spielfilmwettbewerb verlieh die Jury um Debra Winger, Randal Kleiser, Dale Launer, Paweł Pawlikowski und Anahí Bernerider das Goldene Auge an den russischen Beitrag “Volchok” von Vasilij Sigarev für “seine eindringliche and konzentrierte Vision, die aussergewöhnliche Leistung der Hauptdarstellerin und die einfallsreiche Verwendung der Filmsprache”.

    Im Deutschsprachigen Spielfilmwettbewerb gewann “66/67 - Fairplay war gestern”. Die Jury zeichnete damit einen Film aus, der “intensiv, kompromisslos und in bestechender formaler Umsetzung die Geschichte einer Gruppe von Fussballfans erzählt, die vergeblich aus ihrem sozialen System aus Rache, Gewalt und Loyalität auszubrechen versucht. Fussball als Nährboden und Hintergrund benutzend, zeigt der Film auf, wie diese Hooligans Täter und Opfer von sich selbst werden.”

    Das Goldene Auge für den besten Internationalen Dokumentarfilm sprach die Jury dem Werk “The Sound After the Storm” der Regisseure Patrik Soergel, Ryan Fenson-Hood und Sven O. Hill zu “für den Mut, die Opfer von ‘Katrina’ wieder zu besuchen, lange nachdem die Medien sie vergessen haben, und für die Kraft seiner visuellen und akustischen Metaphorik mit der er eine Kultur heraufbeschwört, die zu einem grossen Teil zerstört wurde, als der Hurrikan zuschlug. Ein bewegendes Portrait.”

    Eine besondere Erwähnung erhielt die israelische Produktion “Defamation”, die sich mit Antisemitismus und Antizionismus auseinandersetzt, für die Intelligenz und seinen feinfühligen Zugang zu einem kontroversen und schwierigen Thema. Besondere Erwähnungen verdienten sich auch “À l’ouest de Pluton” von von Henry Bernadet und Myriam Verreault sowie die deutschsprachigen Filme “13 Semester” von Frieder Wittich von und “Schwerkraft” von Maximilian Erleinwein.

    Bereits am Vortag wurden die Gewinner des Variety New Talent Award und des Kritikerpreises bekannt: Variety vergab den Preis an das feinfühlige Auswandererdrama “Amreeka”. Die Kritiker des Schweizerischen Verbandes der Filmjournalistinnen und Filmjournalisten zeichneten die dänische Produktion “Applause” von Martin Pieter Zandvliet aus. Der Publikumspreis ging an die deutsch-schweizerische Koproduktion “Waffenstillstand” von Lancelot von Naso.

    Der Schauspieler Morgan Freeman erhielt an der Closing Night unter Standing Ovations den Golden Icon Award, während Michael Keaton mit dem ausserordentlich verliehenen Career Achievement Award ausgezeichnet wurde. Das 5. Zurich Film Festival konnte etwa 37′000 Besucher anlocken, was eine leichte Steigerung gegenüber dem Vorjahr (36′000 Besucher) bedeutet.