• Startseite
  • Filmdatenbank
  • Kinostarts
  • Über Cineast.ch
  • Redaktion
  • Impressum
  •  

    Rezension: “Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen“ von Hajo Schomerus

    Neu im Kino, Retrospektiven | 30. März 2010 von Nicky Schaefer

    Hajo Schomerus’ Dokumentarfilm über die verschiedenen Konfessionen und ihr Wirken in der Grabeskirche in Jerusalem ist ein spannendes Dokument über religiöse Verdrängungskämpfe unter demselben Dach.

    In der Grabeskirche in Jerusalem, in der sich das Grab Christi befinden soll, koexistieren sechs verschiedene christliche Konfessionen: Kopten, Äthiopier, Griechisch-Orthodoxe, Armenier, Syrer und last but not least Vertreter der katholischen Kirche. Die Äthiopier beten auf dem Dach der Kirche, da sie früher die Steuern nicht mehr bezahlen konnten.

    Dramaturgische Mängel
    Der Titel des Films wirkt aufgrund dieses Verdrängungskampfes, der auch heute noch andauert, etwas aufgesetzt – zumindest auf den ersten Blick. Problematischer aber ist die fehlende Dramaturgie des Films. Im heutigen Dokumentarfilm ist es zwar üblich, die Protagonisten reden zu lassen und so den Duktus des Authentischen abzufeiern. Sicher kann auf diese Art vieles erzählt werden, was keines Kommentars bedarf. Und doch kann die Dramaturgie eines Dokumentarfilms durch eine heterogenere Machart viel gewinnen.

    Sackgasse Dok?
    Vielleicht ist Guy Maddins „My Winnipeg“ ein Beispiel dafür, wie der Dokfilm der Zukunft aussehen kann. Sicher kann „My Winnipeg“ ebenso wie der mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnete Film „The Sound of Insects: Record of a Mummy“ im Grunde genommen gar nicht als echter Dokumentarfilm angesehen werden; trotzdem wäre es aber sicher wünschenswert, wenn sich der Dokumentarfilm wieder stärker an den Spielfilm anlehnen würde.

    Denn: die Protagonisten in “Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen” berühren zwar zumindest teilweise; zugleich können sie nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie im Grunde genommen nur wenig zu sagen haben. Das mag ja alles authentisch sein; viel interessanter wäre es aber, mehr über die Geschichte des Christentums und die Grabeskirche zu erfahren. Kurz und gut: Hajo Schmerus’ Dokumentarfilm ist denen, die sich wirklich für das Thema interessieren, wärmstens zu empfehlen, allen anderen aber nur mit Vorbehalt.

    Israel/Palästina
    Vielleicht sollte “Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen” aber trotz allem nicht allzu wörtlich interpretiert werden: Die Grabeskirche befindet sich nämlich in Jerusalem, und Jerusalem (heilige Stadt sowohl für Muslime, Juden als auch Christen) selbst ist ja mindestens so stark umkämpft wie die Grabeskirche. Dasselbe lässt sich auch über den Staat sagen, in dem sich Jerusalem befindet.

    Anders als der Verdrängungskampf in der Grabeskirche ist der Streit um Palästina/Israel von grosser Brisanz: Israel wird sowohl von Juden als auch Arabern für sich in Anspruch genommen, und wie die verschiedenen christlichen Konfessionen in der Grabeskirche sind auch alle von ihrem Anspruch überzeugt. Insofern ist Schomerus’ Film vielleicht doch ein ziemlich brisantes Werk; und der Titel wird erst dann wirklich verständlich – als Statement gegen die Intoleranz und als Plädoyer für ein friedliches Zusammenleben.

    Infos:
    “Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen”, Deutschland/CH 2010, 89 Min., R: Hajo Schomerus, V: Columbus.

    Im Kino ab: 01.04.2010


    Retrospektive: “Taxidermia” (2006) von György Pálfi

    Retrospektiven | 22. März 2010 von Sarah Geser

    Retrospektive:

    Ein Film, den ich kürzlich gesehen habe, hat mich sehr beeindruckt. Ihn umfassend zu beschreiben, ist schwer. Die Gefühle, die beim Sehen hochkommen, noch schwerer. Es werden drei Geschichten erzählt, über drei Männer, aus drei Generationen einer ungarischen Familie.

    Im kalten Ungarn lebt zur Zeit des Zweiten Weltkriegs ein Soldat namens Morosgoványi. Er verbringt sein trostloses Leben unter den wachsamen Augen seines Vorgesetzten, Leutnant Öreg Balatony Kálmán. Getrieben vom Verlangen nach den beiden Töchtern des Generals gibt er sich seinen sexuellen Fantasien hin. Doch Fantasie und Realität verschmelzen für Morosgoványi immer mehr, und so wird er eines Morgens vom Leutnant getötet, nachdem er mit dessen Frau geschlafen hat.

    Aus dieser unehelichen Vereinigung entspringt ein kleiner Junge mit einem großen, wenn nicht sogar übergroßen Schicksal. Sein Name ist Balatony Kálmán und sein Beruf ist das Wett-Essen. Er verliebt sich in die ebenfalls monströse sovietische Wettkampf-Esserin Aczél Gizi und zeugt mit ihr einen Sohn, Balatony Lajoska.

    Aus Lajoska wird ein schmächtiger, unscheinbarer junger Mann, der nicht viel Glück bei Frauen zu haben scheint. Er erledigt Besorgungen für seinen Vater, den seine Fettsucht zur Unbeweglichkeit getrieben hat. Beruflich stopft Lajoska Tiere aus und als sein Vater durch einen tragischen Unfall sein Ende findet, stopft er diesen mitsamt seiner geliebten Haustiere aus. Ohne seinen Vater, welcher der einzige Grund für Lajoskas armseliges Leben war, fasst er ein letztes, wahnsinniges Projekt…

    Die etwas andere Unterhaltung
    Was den Film “Taxidermia” ausmacht, sind die enorm realistischen Bilder dieser fiktive Schicksale im 20. Jahrhundert. Obszönitäten, Humor, Fantasie und Perversion mischen sich auf eine so natürliche und surreale Weise, dass der Surrealismus dabei nur der Zuckerguss ist – das Tüpfelchen auf dem i.

    Der Film eignet sich nur bedingt für Menschen mit einem schwachen Magen. Literweise Erbrochenes, Eingeweide und die explizite Darstellung von Sex im sodomitischen Zusammenhang hat man noch selten so nah dem Mainstream-Kino auf Film gebannt gesehen. Trotzdem spielen all diese Elemente durch die komplexe Geschichte und die Herangehensweise an die Gefühle der Hauptcharaktere nur die eine Nebenrolle.

    Surrealer Genremix
    Der Film ist eine ungesunde Mischung aus “Le fabuleux Destin d’Amélie Poulain”, “Das große Fressen” und Monty Python. Freunde des Surrealismus werden sich freuen. Doch die Einordnung in ein Genre ist schwer: “Taxidermia” ist ein Drama, eine Komödie, ein gesellschaftskritisches Porträt Ungarns oder ein brutaler Vorwurf an die dem Übermass zum Opfer gefallene Gesellschaft. Es ist eine Tragikomödie, ein Groteskdrama und gleichzeitig ganz simpel ausgedrückt ein Gruselfilm.

    Die Menschenmasse, die dieser Film ansprechen könnte, ist bestimmt gering. Aber wer sich auf dieses Bild-Spektakel einlässt, wird es nicht bereuen – und auch so manches Bild nicht mehr so leicht aus dem Kopf kriegen.


    Retrospektive: “Naked Youth” (1960) von Nagisa Oshima

    Retrospektiven | 5. März 2010 von Lory Roebuck

    "Naked Youth" von Nagisa Oshima

    Retrospektive mal anders: Wie ich am Dienstag angekündigt habe, arbeite ich derzeit für SF Box Office, dem Kinomagazin des Schweizer Fernsehens. In der Sendung vom Mittwoch wurde mein allererster TV-Beitrag ausgestrahlt: Ich habe Nagisa Oshimas japanischen Filmklassiker “Naked Youth” als DVD-Tipp vorgestellt.

    Ich binde meinen Beitrag via SF-Videoportal hier ein:

    “Naked Youth” handelt von einem jungen Liebespaar, das sich sein Geld mit kleinen Gaunereien verdient und immer weiter in die Kriminalität abrutscht: Mako (Miyuki Kuwano) lässt sich nachts von fremden Herren nach Hause begleiten – wird einer zudringlich, taucht Kiyoshi (Yusuke Kawazu) auf, um den alten Widerling zusammenzuhauen und auszunehmen. Eine folgenschwere Masche.

    Japanische Nouvelle Vague
    Im Film geht es um Rebellion und Aufbruch – sowohl inhaltlich als auch filmhistorisch. Regisseur Nagisa Oshima, ein Geistesverwandter Godards und anderer Figuren der französischen nouvelle vague, setzte sich 1960 in seinem zweiten Spielfilm “Naked Youth” mit einer desillusionierten Jugend auseinander, die sich gegen die japanische Gesellschaft der Nachkriegszeit auflehnte. Oshima brach mit Studiokonventionen und überholten Erzählformen, in dem er mit Handkameras auf die Strasse ging und mit zynischem Blick die harte Realität ins Auge fasste.

    Das muss man gesehen haben: Stark, wie der Film zwischen jugendlicher Auflehnung und kriminellem Absturz eine fesselnde Spannung aufbaut, die sich regelmässig in Gewalt und Sex entlädt. Wunderbar, wie sich Oshimas Figuren mit einer sinnlichen Rohheit immer wieder gegeneinander aufreiben. Genial, wie die Radikalität von «Naked Youth» bis heute noch nachhallt.

    Infos:
    “Seishun zankoku monogatari”, Japan 1960, 96 Min., R: Nagisa Oshima, D: Yusuke Kawazu, Miyuki Kuwano, Yoshiko Kuga, Fumio Watanabe, V: Trigon.

    Box Office
    Falls jemand durch meinen Beitrag auf den Geschmack gekommen ist: Auf der Homepage von SF Box Office werden derzeit  fünf DVDs von “Naked Youth” verlost. Dort kann man sich übrigens auch die gesamte Sendung vom Mittwoch nochmals anschauen (vorgestellt werden auch “Shutter Island” und “Alice in Wonderland”) oder als Podcast abonnieren.

    Wer Box Office lieber nochmals vor dem Fernseher schauen möchte, beachtet bitte die folgenden Wiederholungstermine der Sendung:

    Fr 9.15 Uhr auf SF info
    Fr 10.45 Uhr auf SF info
    Fr 12.15 Uhr auf SF info
    Fr 13.45 Uhr auf SF info
    Fr 21.50 Uhr auf SF zwei
    Sa 16.45 Uhr auf SF zwei
    So 15.35 Uhr auf SF info

    Die Erstaustrahlung von Box Office ist jeweils Mittwochs um 23:30 Uhr auf SF1.


    Retrospektive: “28 Days Later” (2002) von Danny Boyle

    Retrospektiven | 25. Februar 2010 von Sarah Geser

    Retrospektive: "28 Days Later" (2002) von Danny Boyle

    Keine Rubrik innerhalb des Horrorgenres ist so groß wie die Zombieabteilung. Zombiefilme gibt es in Massen. Für fast jeden Geschmack ist etwas dabei. Lebende Tote oder infizierte Kannibalen übten schon immer eine gewisse Faszination aus.

    Aus diesem Grund habe ich schon eine erstaunliche Menge an Filmen über, von oder mit Untoten gesehen. Aber kein Film hat mich jemals wieder so geflasht wie “28 Days Later”. Warum? Das ist ganz einfach zu erklären. Die Handlung ist relativ simpel: Jim, ein Fahrradkurier, wacht nach 28 Tagen in einem Krankenhaus auf. Die Welt um ihn herum hat sich in dieser Zeit drastisch verändert. London ist ausgestorben. England ist verlassen. Großbritannien ist tot. Wobei… nicht ganz tot.

    Zombiemassen
    Ein im Testlabor entstandener Virus hat fast die gesamte britische Bevölkerung in hirnlose Zombiemassen verwandelt. Die Ansteckungsgefahr ist groß: Gelangt Zombieblut in deinen Körper, bist du bald einen von ihnen. So simpel ist es. Jim trifft auf Selena, die ihm das Leben rettet und mit der zusammen er sich durch die verseuchte und ausgestorben wirkende Stadt London kämpft. Auf ihrer Odyssee durch die postapokalyptische Szenerie treffen sie auf Taxifahrer Frank und seine fünfzehnjährige Tochter Hannah. Frank und Hannah hatten sich in ihrer Wohnung verbarrikadiert. Doch Essen und Wasser sind knapp. Bleiben ist keine Option. Ein empfangener Funkspruch verspricht Rettung und “Cure” – Heilung. Diese soll in Form einer Straßenblockade Nordöstlich von Manchester liegen.

    Die vermeintliche Rettung jedoch ist keine. Eine Militärstation hat den Funkspruch herausgegeben mit Hoffnung auf Frauen. Frank infiziert sich und stirbt. Schlussendlich müssen Jim, Selena und Hannah gegen die Soldaten kämpfen um zu überleben. Jim wird schwer verletzt, doch Selena und Hannah flicken ihn in einem verlassenen Spital wieder zusammen. Am Schluss scheinen sie die Einzigen Überlebenden zu sein. Die Soldaten sind Geschichte, die infizierten Menschen verhungern auf der Straße. Ist das ein Happy End oder nicht?

    Alternative Ideen
    Auf jeden Fall ist es nicht das Einzige mögliche Ende. Danny Boyle und der Drehbuchautor Alex Garland hatten nicht nur drei weitere Enden im Kopf, sondern auch zwei davon im Kasten. In der Preview-Version des Films stirbt Jim am Schluss im Spital und schließt somit den Kreis, den er mit seinem Aufwachen am Anfang des Filmes begonnen hat. Die dritte Version ist ähnlich, nur verlassen da Selena und Hannah das Krankenhaus und treten alleine und bewaffnet den Zombieherden entgegen.

    Das letzte Ende, das “das radikale Ende” genannt wurde, ist nie gedreht worden. In diesem gibt es weder eine Militärstation noch Soldaten. Dafür einen Wissenschaftler, der tatsächlich die Formel zur Rettung kennt. In diesem Ende gibt Jim sein Leben um den infizierten Frank zu retten. Doch das Ende machte laut Boyle keinen Sinn, da die Rettung durch einen Bluttransfer sehr ungläubig schien. Das Logikloch wäre zu groß gewesen.

    Die Technik
    Es ist nicht nur die eigentlich simple und doch rasante Story, die den Film ausmacht. Die absolute Besonderheit und einer der Gründe, warum mich “28 Days Later” damals wie heute immer noch so beeindrucken kann, ist die Tatsache, dass der Spielfilm fast ausschließlich mit einer DV-Kamera gefilmt wurde. Dadurch erhielten die Filmmacher mehr Bewegungs- und Manövrierfreiheit. Diese war auch dringend nötig während den stressigen Dreharbeiten.

    Das Beeindruckendste an diesem Film sind aber die Shots des verlassenen Londons. Diese waren tatsächlich nicht einfach in den Kasten zu kriegen. Der Piccadilly Circus, der Swiss Court, die Westminster Bridge, die Oxford Straße und Teile der M1 waren minutenweise von der Polizei komplett abgeriegelt worden (meistens ganz früh morgens), um die Dreharbeiten zu ermöglichen. Da blieb nicht viel Zeit für Licht- und Kamerainstallation. Für eine Szene drehte die Filmcrew sogar einen ganzen Doppeldeckerbus auf die Seite und wieder zurück – alles in etwa 20 Minuten. Jede Aufnahme musste sitzen und das mit diesen Kameras. Das erfordert viel Mut und eine ruhige Hand. Apropos ruhige Hand, ich danke Danny Boyle noch heute dafür, keinen Film mit dem “Shaky Cam” Effekt gemacht zu haben, wie “Blair Witch Project” es vor- und “Cloverfield” es nachgemacht hatte.

    Fazit
    Normalerweise würde man in einer vernünftigen Retrospektive ja auch auf die Schauspieler eingehen. Doch in Danny Boyles “28 Days Later” spielen diese nicht nur alle eine sehr große Rolle, sondern sie spielen fast keine Rolle. Lasst mich erklären: Cillian Murphy, Brendan Gleeson, Naomie Harris und Christopher Ecclestone nimmt man keinen Moment lang als Schauspieler wahr. Sie sind die traurigen Protagonisten in diesem absolut real und doch so fantastisch wirkenden Szenario. Die Performance der sehr jungen Megan Burns (Hannah) könnte man jetzt etwas bemängeln, weil bei ihr alles etwas aufgesetzt wirkt. Aber irgendwie passt es dann doch zum “Trash”-Aspekt dieses Horrorfilms.

    “28 Days Later” ist nicht nur ein überzeugender Zombiefilm. Er ist ein überzeugendes Drama, ein fantastischer Horrorfilm und absolut überzeugender dokumentarisch wirkender Thriller. Alle 10 mutierten Daumen hoch für Danny Boyles post-apokalyptisches Meisterwerk!


    Retrospektive: “Dune” (1984) von David Lynch

    Retrospektiven, Sonstiges | 27. Dezember 2009 von Sarah Geser

    Retrospektive: "Dune" von David Lynch (1984)

    Dune basiert auf einer Reihe von Science Fiction Romanen von Frank Herbert. Doch obwohl David Lynchs Umsetzung sehr vage daherkommt, ist der Film ein epochales Meisterwerk, das sich selbst mit modernen Science-Fiction Filmen immer noch messen kann.

    Wir schreiben das Jahr 10991: Mithilfe einer speziellen Materie, dem “Spice Melange”, ist es der Menschheit möglich, den Raum zu falten und dadurch das ganze Universum zu bereisen. Doch Spice ist nur auf einem einzigen Planeten vorhanden. Einem Wüstenplaneten namens Arrakis –simpel genannt: Dune. Zwei große Familien kämpfen um diesen unscheinbaren Planeten. Das Haus Atreides und das Haus von Vladimir Harkonnen (Kenneth McMillan) mit seinen beiden Neffen Feyd (Sting) und Rabban (Paul Smith). Paul Atreides (Kyle McLachlan), der Sohn des Herzogs Leto Atreides (Jürgen Prochnow), spielt dabei die größte Rolle. Er ist der Auserwählte, den die Prophezeiung vorhergesehen hatte, der Kwisatz Haderach. Nur er kann den Krieg entscheiden und beenden, damit das Universum unter der Herrschaft Kaiser Shaddams IV. wieder in Frieden leben kann. Denn wer das Spice beherrscht, hat die Macht über das Universum.

    Die Romanvorlage
    Der Roman “Der Wüstenplanet” (so der deutsche Titel) von Frank Herbert wurde bisher weltweit über 12 Millionen Mal verkauft. Damit misst sich Autor Herbert problemlos mit Patrick Süskinds “Das Parfüm”, Nicholas Evans “Pferdeflüsterer” oder dem “Manifest der kommunistischen Partei” von Karl Marx. “Dune” brachte Herbert 1965 nicht nur den Nebula Award als bestes Buch, sondern 1966 auch den prestigeträchtigen Hugo Award. Der Roman ist sehr komplex und schafft wortwörtlich ein ganzes Universum mit eigenen Planeten, Rassen und Namen. Es war dieser Umfang der ganzen Geschichte Dunes, die den späteren Filmmachern zum Problem wurde.

    Die Geschichte eines Mammut Projekts
    Nach dem ungebändigten Erfolg des Buches versuchten sich mehrere Regisseure daran, “Dune” filmisch zu verwirklichen. Den Anfang nahm diese lange Geschichte 1971 mit Arthur P. Jacobs. Dieser erwarb von Frank Herbert persönlich die Rechte am Buch für 10′000 Dollar und fünf Prozent des voraussichtlichen Profits. Kurz nach diesem Deal verstarb Jacobs aber und das Projekt blieb für mehrere Jahre liegen, bis die Rechte verfallen waren.

    Alejandro Jodorowsky nahm sich als Nächster der Herausforderung an. Der chilenische Regisseur hatte sich einen Namen gemacht als Filmmacher, der gerne an seine Grenzen geht. Der Dune-Film, den Jodorowsky im Sinne hatte, unterschied sich enorm von der Buchvorlage – so sehr, dass gesagt wird, Jodorowsky sei sehr beschäftigt damit gewesen, Frank Herbert vom Projekt fern zu halten.

    Jodorowskys Verwirklichung wäre bestimmt den Fans der Vorlage sauer aufgestoßen, doch seine Ideen wären fantastisch gewesen. Er hatte die kreativsten Köpfe der Branche auf seiner Seite. Darunter die vor ein paar Tagen verstorbene Filmmacher-Legende Dan O’Bannon für die Special Effects und Pink Floyd für den Soundtrack. Wie legendär diese Umsetzung geworden wäre, wird man leider genauso unmöglich sagen können, wie was herausgekommen wäre, hätte David Lynch die erste “Star Wars” Trilogie verfilmt (seine Begründung dazu hier).

    Ridley Scott vs. David Lynch
    Im Oktober 1976 stattete Frank Herbert in Europa Alejandro Jodorowsky einen Besuch ab. Dessen Projekt steckte tief in der Krise: 2 Millionen Dollar waren bereits ausgegeben worden und das vorhandene Skript hätte einen 14 Stündigen Film ergeben. Dafür meldete Dino de Laurentiis zum ersten Mal Interesse an den Filmrechten von “Dune”. Er kaufte die Rechte und spannte Frank Herbert als Drehbuchautor ein. Drei Jahre lang wurden Drehbücher geschrieben und wieder verworfen. 1979 heuerte De Laurentiis Ridley Scott frisch nach seinem unglaublichen Erfolg mit “Alien” an, um die Regie für “Dune” zu übernehmen. HR Giger, der schon die Illustration für “Alien” angefertigt hatte, kam auch mit an Bord.

    Ein Jahr lang wurden wieder Drehbücher (dieses Mal von Rudolph Wurlitzer) geschrieben, doch keines wollte Frank Herbert passen. Der Plot sei zu stark vereinfacht worden. Die dritte Variante enthielt gar eine inzestuöse Szene zwischen Paul und seiner Mutter Jessica. Damit wäre Alia Pauls Schwester und Tochter geworden. Ridley Scott verliess “Dune”, um sich dem späteren Science Fiction Klassiker “Blade Runner” zuzuwenden. Seine Begründung:

    “But after seven months I dropped out of Dune, by then Rudy Wurlitzer had come up with a first-draft script which I felt was a decent distillation of Frank Herbert’s (book). But I also realised Dune was going to take a lot more work - at least two and a half years’ worth. And I didn’t have the heart to attack that because my [older] brother Frank unexpectedly died of cancer while I was prepping the De Laurentiis picture. Frankly, that freaked me out. So I went to Dino and told him the Dune script was his.”

    1980 kam David Lynchs “Elephant Man” in die Kinos. Dino de Laurentiis war begeistert und fragte Lynch, ob er bei “Dune” Regie führen würde. Lynch schaffte, woran Ridley Scott und seine direkten Vorgänger gescheitert waren. Nach nur sechs Monaten stand die erste Hälfte des Drehbuchs. Für die zweite Hälfte brauchte es mehrere Entwürfe von Lynch. Der 6. Entwurf gefiel Frank Herbert und das ganze Material wurde in Mexiko verfilmt. Während den Dreharbeiten wurde eine 7. Version entworfen, die Darstellung des Plots blieb ein Problem. Viele Szenen wurden geändert, nachgedreht oder umgeschnitten. Am 27. Januar 1984 war schliesslich Drehschluss.

    Der fertige Film
    “Dune” gibt es in mehreren Versionen. Die Längste geht 3 Stunden und beginnt mit einem zehnminütigen Vorspann, der die Geschichte der drei Hauptplaneten (Arrakis, Caladan und Giedi Prime) und der verschiedenen existierenden Gilden und Völker kurz erklärt. Dieser Prolog stand jedoch gar nicht in David Lynch Sinne. Der Vorspann, der Box Office-Misserfolg und die vernichtenden Kritiken, die der Film in den ersten Wochen auf der ganzen Welt einholte, veranlassten Lynch dazu, seinen Namen kurzerhand aus dem Abspann entfernen zu lassen. An seiner Stelle wurde ein erfundener Name eingefügt: Alan Smithee. In der stark gekürzten Kinoversion gibt es diese Einleitung nicht. Auch ein paar gewalttätige Szenen wurden gänzlich weggelassen. Trotzdem wirkt diese Version arg zusammengewürfelt, da viele Erklärungen und Plotteile fehlen. Doch auch die überlange Version des Films kommt vom Verlauf her nicht an das Buch heran.

    Der Soundtrack
    Das Erfolgreichste am Film war sein Soundtrack, der von der damals überaus bekannten Hard- und Classic-Rock Band Toto komponiert wurde. Brian Eno steuerte ein Lied dazu bei (das Prophecy-Theme); es wird jedoch gemunkelt, dass dieser zu dem Zeitpunkt einen vollständigen Filmscore entworfen hatte, den David Lynch und De Laurentiis nicht wollten. Während der Film sich selbst unter Science-Fiction Afficionados eher mäßiger Beliebtheit erfreut, wird der dazugehörige Score noch heute sehr geschätzt. Auch David Lynch war am einen oder anderen Track beteiligt gewesen. Aufgenommen wurde der gesamte Soundtrack jedoch von Toto (ohne Lead-Sänger Bobby Kimball), dem Wiener Symphonie Orchester und dem Wiener Volksoper Chor. Geleitet wurde das Orchester von Marty Paich, dem Vater von Totos David Paich (Piano / Keyboard).

    Fazit
    Erst kürzlich lief “Avatar” in den europäischen Kinos an. Ich war völlig überwältigt von diesem cineastischen Meisterwerk. Trotzdem erinnerte mich die Erfahrung an das Gefühl, das ich durchlebte, nachdem ich zum ersten Mal “Dune” gesehen hatte. Tatsächlich erinnerten sogar ein paar Szenen bzw. Storyteile an Frank Herberts Science Fiction Klassiker. “Dune” als kontrovers zu bezeichnen wäre falsch. Doch “Der Wüstenplanet” traf 1984 wohl den Geschmacksnerv der Allgemeinheit nicht. Trotzdem bleibt der Film ein Meisterwerk der Extraklasse, und allein die beschwerliche Geschichte sowie der legendäre Soundtrack lassen uns die Plotlücken und Logiklöcher vergessen und die unrühmlichen Fortsetzungen übersehen. “Dune” ist auf jeden Fall immer noch ein Film für tolerante Science-Fiction Liebhaber.


    Retrospektive: “The Blues Brothers” (1980) von John Landis

    Retrospektiven | 20. November 2009 von Sarah Geser

    Retrospektive: "The Blues Brothers" von John Landis (1980)

    Mit den Blues Brothers haben Dan Aykroyd und John Belushi eine Legende erschaffen. Der Film aus dem Jahre 1980 verhalf den beiden Hauptdarstellern nicht nur zum plötzlichen Ruhm, er bleibt auch heute noch einzigartig und darf zu Recht als der legendärste Musikfilm aller Zeiten bezeichnet werden.

    Unterwegs auf einer göttlichen Mission versuchen die beiden Brüder “Joliet” Jake (John Belushi) und Elwood Blues (Dan Aykroyd) 5000 Dollar zusammen zu kriegen, um das katholische Waisenheim zu retten, in dem sie aufgewachsen sind. Nach einer göttlichen Eingebung, die bei Jake einschlägt wie ein Blitz, wollen sie versuchen, die ursprüngliche Band, wie sie vor Jakes Gefängnishaft bestanden hatte, wieder zusammen zu bringen, um das Geld mit Auftritten zu verdienen. Während ihrer selbsternannten göttlichen Mission werden sie aber nicht nur von einer mysteriösen und gewaltbereiten Frau verfolgt, sondern auch von einer Gruppe Western-Musiker, den Illinois Nazis und dem gesamten staatlichen Polizeicorps.

    Der Ursprung – vom Underdog zum Kinohit
    Die rasante Geschichte der Blues Brothers, die in diesem zweieinhalbstündigen Film erzählt wird, ist zwar rein fiktiv, doch die Band gab es schon vor dem Film. Die Blues Brothers entstanden im Rahmen der berühmten amerikanischen Samstagabend- Unterhaltungsshow “Saturday Night Life”. Die Blues Brothers Jake und Elwood traten damals als Sketch auf und gaben Hits aus dem Jazz, Blues und Soul Bereich zum Besten. John Landis schrieb mit Dan Aykroyd ein Jahr lang am Drehbuch und zusammen verwirklichten sie den Film schon sehr bald darauf.

    “The Blues Brothers” schlug aber ganz und gar nicht ein wie eine Bombe, er wurde nämlich zuerst nur in ausgewählten Kinos in Spätabendvorstellungen gezeigt. Doch die Sache entwickelte sich zum Guten und der Film erreichte schon bald alle Kinos auf der ganzen Welt. Schlussendlich spielte er weltweit über 115 Millionen Dollar ein, bevor er auf Video herauskam. Die Blues Brothers Band gab viele Konzerte und selbst der tragische Tod von John Belushi konnte dem Erfolg keinen Abbruch tun. Viele Starmusiker gaben sich danach die Ehre, an Dan Aykroyds Seite zu singen und zu tanzen.

    Namen über Namen
    “The Blues Brothers” ist nicht nur eine wahre Zerstörungsorgie (es wird ein ganzes Einkaufszentrum zerstört, unzählige Autos, ein Wohngebäude, eine Telefonkabine, ein Wohnwagen und fast die gesamte Einrichtung der Steuerverwaltung Chicagos), sondern bietet auch die wohl grösste filmische Ansammlung bekannter Musiker. Die Liste liest sich wie ein “Who is Who” der Blues-, Jazz- und Soul- Geschichte. Darunter fallen auch die legendären Gastauftritte von Ray Charles, John Lee Hooker, James Brown oder Aretha Franklin.

    Auch Twiggy, ein britisches Model aus den 60ern, Cab Calloway, einer der grössten Jazz Musiker der amerikanischen Geschichte, John Candy, ein US-Comedian und Schauspieler und Carrie Fisher, die in der Rolle als Prinzessin Leia in den “Star Wars”-Filmen bekannt wurde, geben sich hier die Klinke in die Hand. Nur nebenbei zu entdecken sind dabei die Cameos von Joe Walsh (Sänger und Songwriter), Frank Oz (bekannter Puppenspieler und Erschaffer von Berümtheiten wie Yoda oder Miss Piggy) oder Steven Spielberg.

    Der Mythos
    Was den Film aber wirklich speziell macht, sind nicht die unzähligen Cameos, sondern die Tatsache, dass der Film ein Portrait der frühen 80er Jahre wiedergibt, wie es nicht schöner gezeichnet werden könnte. “The Blues Brothers” bildet nicht nur einen ganz speziellen Punkt in der Geschichte der Musik ab, er ist auch ein Roadmovie der Sonderklasse. Sein hervorragender und schon fast legendärer Soundtrack besteht aus mehreren Liedern, die noch heute im Radio gespielt werden.

    Überschattet wird die Geschichte der Blues Brothers Band durch den bereits erwähnten tragischen und vorzeitigen Tod John Belushis. Belushis Drogengeschichten kosteten ihm das Leben und sein Tod im Jahr 1982 erschütterte die Musik- und Filmwelt. Es kostete Dan Aykroyd, der nicht nur Johns Bandpartner sondern auch ein guter Freund war, enorm viel Kraft weiter zu machen.

    Der Mythos, der “The Blues Brothers” zu einem Kultfilm machte, wurde dadurch aber noch verstärkt. Und so konnte ihm selbst das etwas weniger fesselnde Sequel aus dem Jahre 1998 nichts anhaben. “Blues Brothers 2000″ vermochte zwar nicht mehr so zu begeistern, wie der erste Kinohit, doch die Liebe, die Dan Aykroyd für die Filme und die Band empfindet, zeigt sich auch hier. “The Blues Brothers” muss man einfach gesehen haben, damit man weiss, was Coolness wirklich bedeutet und wie sie in allen Lebenslagen angewendet werden kann – selbst in den Absurdesten.


    Retrospektive: “Point Blank” (1967) von John Boorman

    Retrospektiven | 10. November 2009 von Tobias Imbach

    Retrospektive: "Point Blank" von John Boorman

    “Point Blank” von John Boorman ist ein düsterer und gewalttätiger Film Noir im bunten Gewand eines Arthouse-Films der 60er-Jahre.

    Nach einem Banküberfall treffen sich die beteiligten Gangster auf Alcatraz, um die Beute aufzuteilen. Protagonist Walker (Lee Marvin) wird von seinen Partnern um seinen Anteil betrogen, fängt gleich zu Beginn des Films zwei Kugeln ein und wird sterbend liegen gelassen. Einige Zeit später taucht der totgeglaubte Walker wieder auf und will zwei Dinge: Sein Geld und Rache. Nach und nach schaltet der stille und einsame Rächer mit Hilfe eines undurchsichtigen Informanten seine ehemaligen Komplizen aus.

    Meisterliches Handwerk
    Geradlinig die Story, geradlinig das Vorgehen des Protagonisten. Im starken Gegensatz dazu steht die Art und Weise, wie John Boorman diese an sich typische Film Noir-Geschichte auf Zelluloid bannte. Point Blank ist in audio-visueller Hinsicht meisterlich, und das von Beginn weg. Bereits in den ersten Minuten zieht Regisseur John Boorman alle Register. In den ersten zwei Minuten gibt es mehrere Rückblenden und Sprünge, die Bilder zeigen, die erst im späteren Verlauf des Films richtig eingeordnet werden können. Ungewohnt für einen US-Thriller aus den 60er-Jahren.

    Die Wege eines Rächenden
    Nicht nur die Erzählweise ist untypisch für den damaligen Film Amerikas, auch die Bildkompositionen und Schnitte sind klar von europäischen Bewegungen wie der französischen Nouvelle Vague beeinflusst. Bemerkenswert ist die frühe Szene, in der sich der apatische Walker zu seiner untreuen Ehefrau begibt. Mit forschem Schritt geht er einen langen Korridor entlang, seine Schritte klingen noch minutenlang weiter, auch als die Kamera ihn schon in seinem Auto oder seine Frau in ihrer Wohnung zeigt. Jeder seiner Schritte intensiviert die Anspannung, bis Walker schliesslich ihre Wohnung erreicht und sich gewaltsam Eintritt verschafft.

    Zu einem späteren Zeitpunkt betritt Walker auf der Suche nach der Schwester seiner Frau einen Nachtclub. Auf der Bühne ein schreiender Soul-Sänger, hinter der Bühne in einem erbarmungslosen Kampf zersplittern Knochen und Flaschen, Fäuste gehen nieder (man sagt, einzelne der Schläge seien echt gewesen - danach siehts aus!), die lärmende Funk-Musik verschluckt alles, nur die auf eine Leinwand projezierten Frauengesichter scheinen das brutale Geschehen mit zunehmend erschrockenem Ausdruck zu kommentieren – abstossend und anziehend zugleich, dasselbe gilt auch für eine sinnliche Liebesszene, in der einer der sich Liebenden immer mehr seinem Verderber ausliefert.

    Der Traum eines Sterbenden
    Boorman nutzte für seine Bildkompositionen die satten und psychedelischen Farben der edlen 60er-Jahre und macht wirkungsvoll Gebrauch vom Breitbildformat. Auch deswegen haftet vielen Szenen etwas Unwirkliches an, immer wieder gibt es auch Andeutungen, welche die Möglichkeit offenlassen, dass dies alles auch nur in den Gedanken Walkers geschieht, ein Traum, die letzten Bilder, die er sieht, bevor er auch sein inneres Augen für immer schliesst. “Point Blank“ bezieht nie definitiv Stellung, funktioniert damit auf beide Weisen und gewinnt so ungemein an Reiz. Das fantastische Frühwerk eines begnadeten Regisseurs, der mit Filmen wie “Deliverance” und “Hopes and Glory” in den folgenden Jahrzehnten weiterhin für Furore sorgte, ist nicht nur einer der härtesten, sondern auch  einer der wichtigsten Filme der amerikanischen 60er, dessen Bedeutung sich im Werk von Regisseuren wie Scorsese, Soderbergh oder Tarantino auch Jahrzehnte später noch wiederspiegelt.


    Retrospektive: “Pierrot Le Fou” (1965) von Jean-Luc Godard

    Retrospektiven | 4. September 2009 von Tobias Imbach

    Retrospektive: "Pierrot le fou" von Jean-Luc Godard

    Mit “Pierrot Le Fou” verwandelte Jean-Luc Godard einen Pulp-Krimi in einen surrealen Höhepunkt der Nouvelle Vague.

    Der intellektuelle Ferdinand (Jean-Paul Belmondo) würde beim Fernsehen arbeiten, wäre er nicht gerade arbeitslos. Damit er Kontakte knüpfen kann, die ihm zu einer Anstellung verhelfen könnten, nimmt ihn seine wohlhabende Frau zu einer Party mit. Die kleine Tochter bleibt zuhause, in Obhut eines neuen Kindermädchens. Der öden Party entflieht Ferdinand nach wenigen Minuten und kehrt nach Hause zurück, hat sich doch das neue Kindermädchen als seine ehemalige Geliebte Marianne (Anna Karina) herausgestellt. Kurzerhand brennt er mit ihr durch und flieht Richtung mediterrane See, möglichst weit weg von der Ausweglosigkeit einer verlorenen Gesellschaft. Marianne scheint sich in der Zwischenzeit allerdings einigen Ärger eingehandelt zu haben und so hat das fliehende Liebespaar plötzlich Blut an den Händen und algerische Waffenhändler im Nacken.

    Doch darum geht’s eigentlich gar nicht. Oder: nicht nur. Über “Pierrot Le Fou” (wie auch über alle Godards nach diesem Film) wird gesagt, er sei ein Film über sich selbst. Ein Statement das nicht verstanden werden kann, wenn man den Film nicht gesehen hat. Schnell wird dabei klar: “Pierrot Le Fou” lebt von seinen einzelnen Szenen wie kaum ein anderer Film.

    “Eine Waffe und ein Mädchen”
    In einer frühen und raffinierten Szene stimmt Marianne ein hinreissendes Liedchen an, während Ferdinand, den sie stetig Pierrot nennt, noch gemütlich im Bett liegt. Marianne tänzelt frohgemut durch die Wohnung, in deren Wohnzimmer ein Mann mit einer Schere im blutigen Nacken liegt, rund um ihn liegen Waffen. Was den Zuschauer irritiert, scheint für das Paar nur ein weiterer Teil der Unordnung in der Wohnung zu sein. Als der Film später auf seinen düsteren Höhepunkt zusteuert, trifft Ferdinand auf seiner Verfolgungsjagd einen leidgeplagten Mann (herrlich: der französische Humorist Raymond Devos), der am Hafen sitzend ins weite Meer blickt. Ferdinand gesellt sich für einen Moment zu ihm und hört sich seine Leidensgeschichte geduldig an, bevor er weiterzieht und seinem Schicksal entgegeneilt.

    Filmischer Mash-Up
    In solchen Momenten wird die erzählte Handlung schnell mal nebensächlich, selbst wenn der Sinn gänzlich abhanden kommt, ist das kaum mehr erwähnenswert. Godard behauptete selbst, er hätte kein Script gehabt, als er mit den Dreharbeiten zu “Pierrot Le Fou” begann, was ihn und seine Schauspieler zu starken Improvisationen leitete. Godard liess seine damalige Umgebung starken Einfluss nehmen und so ist “Pierrot Le Fou“ mit Zitaten geradezu übersät und greift wiederholt welt- und gesellschaftspolitische Themen auf. Wer hier also eine wilde Aneinanderreihung von Ideen vermutet, liegt völlig richtig. “Pierrot Le Fou” ist ein filmischer Mash-Up voller Feinheiten und Anspielungen, mit denen mehrmaliges Anschauen belohnt wird und ein Verständnis des Films erst ermöglicht wird.

    Unverhofft wagen sich die Protagonisten an prächtige Musical- und Theater-Einlagen, lassen sich im Kampf gegen Tankstellenwärter von Laurel & Hardy inspirieren oder wenden sich direkt an das Publikum. Die farbenprächtigen Breitwandbilder des genialen Raoul Coutard sind genauso oft von hinreissender Schönheit und verstörender Rohheit, die vielen eingeblendeten Textstellen, Plakate und Leinwände sind nur ein Teil unzähliger visueller Spielereien, Musikstücke hören auf, kaum haben sie begonnen… Das grenzt an eine Dekonstruktion des bislang bekannten Filmschaffens und genau deswegen geht nie vergessen, dass es sich hierbei um einen Film handelt. Godard versucht gar nicht, Gegenteiliges zu erreichen.

    Echte Emotionen

    Und trotz dieser Surrealität schafft es “Pierrot Le Fou”, den Zuschauer zu berühren. So dürfte die Geschichte um das von der Liebe in den Wahnsinn getriebene Paar schlussendlich doch eine grössere Rolle spielen, was “Pierrot Le Fou” auch zugänglicher als andere Filme Godards macht. Die beeindruckende Schauspielkunst Belmondos und Karinas (beide nie wieder so fantastisch wie hier) nimmt dem Film seine Künstlichkeit, die beiden Stars geben den vielen Gefühlen des Regisseurs ehrlichen und realen Ausdruck. Und so trifft es US-Regisseur Samuel Fuller in seinem Cameo-Auftritt in der vielleicht berühmtesten Szene des Films genau: “The film is a battleground: love, hate, action, violence, death - in one word, emotion.”


    Retrospektive: “A Room With A View” (1986) von James Ivory

    Retrospektiven | 26. Juni 2009 von Tobias Imbach

    Retrospektive: "A Room With A View" von James Ivory

    Diese ironische und angriffige Gesellschaftskomödie ist nicht nur der beste Film des ruhmreichen Trios Ivory-Merchant-Prawer, sondern auch eine der stärksten Literaturverfilmungen überhaupt.

    Florenz im Jahre 1907: Die junge Lucy Honeychurch (Helena Bonham Carter) ist in Begleitung ihrer Anstandsdame, der deutlich älteren und prüden Kusine Charlotte Bartlett (Maggie Smith), auf Reisen in der Toskana. Bei ihrer Ankunft in der Hauptstadt der Region allerdings ist das ungleiche Paar schwer enttäuscht. Der Blick aus den Zimmern ihrer Pension ist nicht der Rede wert, ganz anders als ihnen noch angekündigt wurde. Diese unglücklichen Umstände sind schliesslich auch ihr Gesprächsthema beim Nachtessen in der Pension, wo die beiden Britinnen auf weitere Gäste treffen, scheinbar allesamt Landsleute, darunter auch der unbefangene Mr. Emerson (Denholm Elliott) und sein zurückhaltender Sohn George (Julian Sands). Diese zwei zeigen sofort Bereitschaft, ihre grossen Zimmer mit Aussicht gegen jene der Frauen zu tauschen, denn schliesslich “ist es für Frauen wichtig, Zimmer mit Aussicht zu haben. Für Männer nicht.“

    Kurz währendes Glück
    Nach einigem Hin und Her gibt Charlotte Bartlett schliesslich nach und die beiden Frauen beziehen die Zimmer, die ihnen so freundlich angeboten wurden. In den Tagen darauf lernen sich die Gäste besser kennen, besichtigen die Stadt gemeinsam, bis jener verhängnisvollen Ausflug ins Grüne folgt, wo der junge George Emerson Lucy leidenschaftlich küsst – aus dem Nichts heraus, so scheint es, zumindest für sie, für ihn hat sich dies bei der Stadtbesichtigung zuvor schon angekündigt. Lange währt sein Glück allerdings nicht, denn Kusine Charlotte kommt herangestürmt, entsetzt, und reist kurz darauf mit Lucy ab. Ganz ab, zurück nach Hause in die Grafschaft Surrey.

    Als sich George und Lucy einige Zeit später in England wieder sehen, ist sie bereits dem blasierten Cecil Vyse (köstlich: Daniel Day-Lewis) versprochen und wird in Bälde heiraten. Lucy ist mit dieser Situation überfordert - sie weiss nicht, ob sie die tief im 19. Jahrhundert verankerten Wege fortsetzen soll, die sie nun bereits eingeschlagen hat oder sich doch den Welten öffnen soll, die sie in der Toskana kennen lernte und die bereits ihre tiefen Spuren hinterlassen haben.

    Audio-visuelle Opulenz
    Besagte Kuss-Szene in der toskanischen Landschaft gehört zu den mir kostbarsten Film-Momenten überhaupt. Diese Sekunden sind von atemberaubender Intensität und satter Schönheit. Allgemein zeugen die malerischen Szenenbilder und die Kostüme gleichermassen (in diesen Kategorien zurecht mit Oscars ausgezeichnet) von viel Sinn für Details, jedes Bild dieses Films würde auch als Gemälde Bewunderer finden. Die Bilder sind ein Fest für die Augen genauso wie die wundervollen Opernarien Puccinis und der stimmungsvolle Score von Richard Robbins die Ohren verwöhnen. Diese Pracht steht ganz im Gegensatz zum geringen Budget, das nur 3 Millionen Dollar betrug.

    Bis in die Nebenrollen perfekt besetzt
    Neben der Inszenierung sind es vor allem die Schauspieler, die “A Room With A View“ zu seinem Reichtum verhelfen. Helena Bonham Carter war erst 19 Jahre alt, als ihr mit diesem Film der internationale Durchbruch gelang. Sie spielt die zugleich temperamentvolle und doch sehr zurückhaltende Jungfrau, wie es niemand besser könnte. In wundervoll gezeichneten Nebenrollen begeistern vor allem die älteren Damen Judi Dench als leidenschaftliche, aber wichtigtuerische Schrifstellerin und Maggie Smith als altjungferliche Kusine. Allen die Show stiehlt schliesslich aber Denholm Elliott als freidenkender Mr. Emerson, der seinem Sohn einen Weg im Leben finden möchte.

    Literarische Klasse im Film
    Bei ihrer Verfilmung des Romans von Edward Morgan Forster hielten sich Regisseur James Ivory, Produzent Ismail Merchant und Drehbuchautorin Ruth Prawer Jhabvala eng an die Vorlage, dies aber nicht um jeden Preis - so wurde etwa die Rom-Passage weggelassen, was dem Film aber nur zugute kommt. Die literarische Klasse der Vorlage wurde behutsam visualisiert, ohne dabei nur im Geringsten an Vielschichtigkeit einzubüssen – was der Academy schliesslich einen dritten Oscar für das “Beste Adaptierte Drehbuch“ wert war. “A Room With A View“ ist eine Literaturverfilmung so frei jeglicher Mängel, dass sie auf alle Fälle zu den besten ihrer Art gezählt werden darf.


    Retrospektive: “Bambi” (1942) von David Hand

    Retrospektiven | 7. Juni 2009 von Hannah Freeman

    Retrospektive: "Bambi" von David Hand

    Für viele Kinder gibt es eine Manifestation des Bösen, die noch bösartiger ist als das Krokodil unter dem Bett oder die alte Hexe im Schrank: Es sind die Jäger, die Bambis Mutter töteten. Das kollektive Trauma von Generationen und die klassische coming-of-age Geschichte vom geliebten Bambi sind es wert, in einer Retrospektive genauer studiert zu werden.

    Denn Bambi ist nicht nur Bambi, und Disneys Produktionen – zumindest die älteren – sind bei näherem Betrachten wahre Fundgruben. Der Film “Bambi” vereint Blitzkrieg, das Freudsche Konzept des Bedürfnisses nach Individuation, faschistische Ordnung, anti-Nazi-Symbolik und die Darstellung von Amerika als Flüchtlingsnation gleichzeitig – und das sind nur ein paar Themen.

    Grafische Konzeption
    Das Beeindruckendste jedoch sollte dem Zuschauer zuerst nahegelegt werden: Der Film selber ist ein wahres, wunderbares Kunstwerk an moderner und klassischer Kunst und mischt Pop Art mit alter asiatischer Zeichentechnik. Nach “Snow White and the Seven Dwarves” (1937) mit den über-herzigen Tieren legte Walt Disney enormen Wert darauf, realitätsgetreue Zeichnungen zu verwenden. Um dies zu erreichen, machten die Künstler Ausflüge in den Zoo und liessen sogar zwei junge Rehkitze zur genaueren Beobachtung ins Studio holen. Heutzutage ist man sich Pixar und perfekt animierte Gesichtsausdrücke natürlich gewohnt – “Bambi” ist aber bestimmt ein Meilenstein in der Entwicklung der heute gebrauchten Techniken. Emotionen werden durch kleinste Pinselstriche exakt dargestellt, ohne dabei das Tier allzu sehr zu humanisieren.

    Abgesehen von den Figuren glänzt jeder Frame von “Bambi” mit atemberaubenden Hintergrunden. Schaut man sich heute “Pocahontas” oder “Aladdin” an, so verblassen die Kulissen völlig im Vergleich zu den üppigen Patellenzeichnungen und Aquarell-Meisterwerken in “Bambi”. Der Wald ist stets bis ins letzte Detail perfektioniert, und durch das Übereinanderlegen von verschiedenen Schichten bewundert man Moos, Nebel oder feine Blüten inmitten von alten Bäumen. Die ästhetische Perfektion ist nicht überraschend, wenn man in Betracht zieht, dass unter anderem Tyrus Wong – ein chinesischer Einwanderer und begnadeter Zeichner – an der Leitung des Projektes beteiligt war. Einflüsse aus chinesischen Zeichenstilen tauchen immer wieder auf, am deutlichsten bei Darstellungen von Wasser. Nur schon wegen den Bildern lohnt es sich, diesen Film noch einmal anzuschauen – mit der neuen DVD und den aufgefrischten Bildern umso mehr.

    “Rite de Passage”
    Das zentrale Thema für “Bambi” ist sein Schritt ins Erwachsenwerden, sein „rite de passage“, und das Überkommen von diversen Hindernissen auf seinem Weg. Man kann davon ausgehen, dass die Autoren von “Bambi” sich sehr wohl mit der Freudschen Psychologie auskannten und dass die Schritte in Bambis Leben nicht dem blossen Zufall entsprechen. Der Film beginnt mit der Geburt des kleinen Prinzen des Waldes und seinen ersten Gehversuchen auf wackligen Beinen, bei welchen er kräftig vom Hasenjungen Thumper mit „Get up! Get up Bambi!“-Rufen unterstützt wird. Dies ist bereits schon interessant: Jacques Lacan, ein französischer Psychoanalytiker und Philosoph, spricht in seiner Theorie des „stade du miroir“, des Spiegelstadiums, davon, wie ein Kleinkind sich im Spiegel selbst erkennt und dadurch ein Aha-Erlebnis hat – der Blick auf das eigene Selbst wird möglich, und somit auch eine Individuation.

    Interessanterweise folgt auf das kleine Narziss-Spiel die Begegnung mit Faline, dem Reh-Mädchen, welche auch zuerst als Spiegelbild beziehungsweise sogar noch als Spiegelung seiner eigenen Spiegelung wahrgenommen wird – Humorvolle oder Feministen dürfen hier eine Bemerkung über das Frauenbild aus maskuliner Sicht gerne einflechten. Bambi flüchtet vor Falines Neckereien (man bemerke, dass er bei seiner Mutter Schutz sucht), bis er plötzlich mit der geballten Männlichkeit von synchron herumspringenden jungen Hirschen konfrontiert wird. Was ist seine erste Reaktion? Er stösst das Mädchen weg und ahmt seine neuen Idole nach. Wie nach einem Plan folgen Disneys Autoren und Zeichner den Theorien der grossen Psychoanalytiker – der Tod der Mutter ist demnach ein notwendiger weiterer Schritt, um den Oedipuskomplex zu überwinden, um mit Faline zusammen sein zu können. Wer noch weiter in die Tiefen der Psychologie tauchen will, findet auch zur Theorie der Kastrationsdrohung in der Beziehung zum Vater genügend Material.

    Der Tod von Bambis Mutter ist auch nach all den Jahren noch ein schockierendes Ereignis, und ein „Mother!“-schreiendes Bambi im dunklen verschneiten Wald gehört zu den herzzerreissendsten Szenen, die je gefilmt wurden. Anscheinend war die Szene so schrecklich, dass man sich genötigt fühlte, die nächste Szene als Frühlingsneuanfang mit dem „Gay Little Spring Song“ zu untermalen (für nicht-englischsprachige: Gay steht hier für fröhlich, allzu viel sexuell motivierte Theorien möchte ich den Zuschauern von “Bambi” natürlich nicht zumuten).

    Politischer Hintergrund
    In der zweiten Hälfte des Filmes wird Bambis Weg zum Erwachsenen neben zunehmend politische Themen gestellt. Die Furcht vor „Man“ wird vertieft und erreicht seinen dramatischen Höhepunkt im durch Jäger verursachten, massiven Waldbrand. Dunkle, zähnefletschende Hunde; alles blitzschnell einnehmende Feuermassen und rücksichtsloses Töten sind die Attribute des Menschen – 1942 ist dies eindeutig eine Anspielung auf den Nationalsozialismus, Hitler und das verwüstete Europa. Die überlebenden Tiere des Waldes sind vor den Flammen geflüchtet und sammeln sich auf einer Insel für einen Neubeginn – so wie damals Flüchtlingsströme über den Atlantik nach Amerika kamen.

    “Bambi” kam 1942, während die Welt inmitten des Zweiten Weltkrieges steckte, in die Kinos. Pearl Harbour im Dezember 1941 veranlasste unter anderem, dass die Walt Disney Studios vom Kriegsdepartement übernommen und in der anti-faschistischen Propagandaproduktion eine bedeutende Stellung einnahmen. Walt Disney selbst war ein leidenschaftlicher Gegner von Kommunisten (er war sogar ein Spezialagent des FBI) und Homosexuellen, welche er auch regelmässig an Behörden denunzierte oder entliess. Trotz der vehementen Opposition gegen die Nazis sind bei Disney selbst Anzeichen von Faschismus vorhanden: die Obsession mit perfekt harmonischen, sauberen Utopien (man denke zum Beispiel an Disney World) gehen einher mit einer maschinengleichen Arbeitseinteilung bei der Produktion. Auch in den Filmen selber erscheint das Bild von totaler Koordination von Männern und Unterwerfung gegenüber dem Führer, einer charismatischen Autoritätsfigur – im Fall von “Bambi” ist das die absolute Vaterfigur des grossen Prinzen. Während dies im faschistischen Deutschland bedingungslos geschehen muss, haben wir in “Bambi” doch noch die typisch amerikanische Individualität im kleinen Bambi und einen demokratischen Führer, und somit auch den Unterschied zum Nationalsozialismus.

    “Bambi” ist ein Film, der auf den ersten Blick für Kinder ist und putzige Tierchen darstellt, doch bei einer genaueren Anschauung schnell an Bedeutung gewinnt. Manches Werk von heute trägt weit weniger Inhalt in sich als dieses knapp einstündige Meisterwerk. Es bleibt nur zu hoffen, dass auch zukünftige Generationen ihre Freude daran haben können – wenn ich auch als persönliche Note anmerken würde, dass er meiner Meinung nach mittlerweile kaum mehr so kinderfreundlich daherkommt, wie ich ihn in Erinnerung hatte.