• Startseite
  • Filmdatenbank
  • Kinostarts
  • Über Cineast.ch
  • Redaktion
  • Impressum
  •  

    Rezension: “Pinprick” von Daniel Young

    Neu im Kino, Rezensionen | 23. Juli 2010 von Nicky Schaefer

    Rezension: "Pinprick" von Daniel Young

    Der Schweizer Regisseur Daniel Young legt ein spannend-kunstvolles Arthaus-Drama vor, in dem ein Krimineller sowohl Tochter als auch Mutter mit seinem Charme betört – und am Schluss dann doch alles ganz anders ist.

    Miriam ist alleinerziehende Mutter – ihre Tochter Charlotte freundet sich unterdessen mit einem Kriminellen an, der bald schon eine wichtige Rolle nicht nur in Charlottes, sondern auch in Miriams Leben innehaben soll. Vater Alex hat dabei im wahrsten Sinne des Wortes nichts zu sagen – Charlotte redet zwar mit ihm, er nimmt ihre Worte aber scheinbar gar nicht zur Kenntnis. Was hat es auf sich mit diesem mysteriösen Kriminellen? Und was ist mit Vater Alex los?

    Alex und Reyer
    Reyer, so der Name des Mystery Mans, ist das absolute Gegenteil des stillen Alex: Er ist kein gesetzestreuer, zurückhaltender Bürger, sondern ein Mann, der sich nimmt, was er will. Dabei scheint er Charlotte ebenso zu faszinieren wie Mutter Miriam, die ihn als Schüler in ihrem Sprachkurs kennenlernt. Interessantes Detail am Rande: Miriam spricht Reyer einsilbig als ‹rare› (= rar, selten) aus, während Charlotte zweisilbig ‹rye-er› sagt.

    Begehren
    In diesem Versprecher kommt der andersartige Blickwinkel zum Ausdruck, mehr aber noch die Unfähigkeit, den Ungarn ohne magyarischen Namen als das zu sehen, was er ist. Gerade in dieser Hinsicht lässt uns Filmemacher Daniel Young, von dem auch das Drehbuch stammt, im Dunkeln tappen. Dies unterscheidet «Pinprick» auch am stärksten von Andrea Arnolds sozialkritischem Film «Fish Tank», in dem eigentlich immer klar ist, wer wer ist. Da passt es auch, das «Pinprick» in Ungarn gedreht wurde, obwohl der Film in England spielt.

    Innenleben
    Es geht also weniger um soziale Realitäten, sondern vielmehr um den Menschen an sich, um seine oft absurden Träume, sein Innenleben, um die Konflikte zwischen den Geschlechtern und den Generationen. Reyer stellt sich Mutter Miriam als Paul vor, also als ‹der Kleine› (lat. Paulus), während Charlottes Name an Charlemagne, also Karl den Grossen erinnert. Charlotte kennt auch Ryers Nachnamen, der an den deutschen ‹Reiher› erinnert, also an einen schreienden Vogel (engl. Heron). Last but not least verweist der Titel auf die kleinen Sticheleien, die das Leben erst so interessant machen…

    Infos:
    «Pinprick», Ungarn/Schweiz 2009, 92 Min., R: Daniel Young, D: Rachel Blake, Laura Greenwoord, Ervin Nagy, Zoltan Ratoti, Deborah Kim Javor, V: Film Verleih Gruppe.

    Im Kino ab: 22.07.2010


    Rezension: “Knight & Day” von James Mangold

    Neu im Kino, Rezensionen | 22. Juli 2010 von Nicky Schaefer

    Rezension: "Knight & Day" von James Mangold

    Das Starvehikel mit Tom Cruise und Cameron Diaz bietet gute Unterhaltung, Action, Spass und Spannung – und ist einer von James Mangolds besten Filmen.

    Roy Miller (Tom Cruise) ist Geheimagent. Seine Vorgesetzten haben ihn allerdings bereits abgeschrieben, und auch von krimineller Seite steht er unter Druck. Im Flughafen lernt er die quirlige June (Cameron Diaz) kennen, die bald nicht mehr weiss, was mit ihr geschieht: Ist dieser Roy einfach verrückt? Und weshalb hat er es gerade auf sie abgesehen? Schliesslich hat sie nichts am Hut mit Geheimdiensten und Kriminellen.

    Chamäleon Mangold
    James Mangold ist ein sehr wandlungsfähiger Regisseur, der sich nun –  nach diversen Dramen, einem Biopic, einer RomCom, einem Thriller und einem Western – an eine Action-Kiste gewagt hat. In den USA ist der Film gnadenlos gefloppt – und wohl nicht nur wegen Tom Cruise, der ja – wie seine Figur – unterdessen als ziemlich durchgeknallt gilt. Im Grunde genommen ist die Besetzung des Roy Miller mit Tom Cruise ein Geniestreich, denn es ist nicht die ambivalente Figur des Roy, mit der sich das Publikum identifiziert, sondern die eher alltägliche, quirlige June, wie immer witzig verkörpert von Cameron Diaz.

    Bierernste Zeiten
    Das Problem liegt aber wohl woanders: Wenn die Menschen heute einen Actionstreifen auschecken wollen, dann ziehen sie wohl die eher bierernsten aktuellen Bondfilme einem humorigen Streifen wie «Knight & Day» vor. Mangold ist zudem ja nicht bloss ein Routinier, sondern ein Filmemacher, der durchaus gekonnt zwischen Mainstream und Anspruch herumschwirrt, sein Zweitling «Copland» mit Stallone war zumindest in Basel denn auch in einem Arthaus-Kino bzw. Studiokino zu sehen.

    Action und Humor
    Nach «3:10 to Yuma», einem Western, ist «Knight & Day» nun Mangolds erster Actionstreifen. Vielleicht ist der Film aber auch das Relikt aus einer Zeit, in der Action und Komödie sich küssten – tempi passati. Heute interessieren sich die Menschen offenbar für die reine Lehre, die in den aktuellen 007-Filmen und einschlägigen trashigen RomComs (allerdings dann gerne auch mit einer Prise Action, wie im kommenden «Kiss and Kill») präsentiert wird. Schade eigentlich – «Knight & Day» ist um Längen witziger und unterhaltsamer und einer von Mangolds besten Filmen.

    Infos:
    «Knight & Day», USA 2010, 109 Min., R: James Mangold, D: Tom Cruise, Cameron Diaz, Paul Dano, Jordi Mollà, Peter Sarsgaard, Viola Davis, V: Fox.

    Im Kino ab: 22.07.2010


    Rezension: “Ne te retourne pas“ von Marina de Van

    Neu im Kino, Rezensionen | 21. Juli 2010 von Nicky Schaefer

    Rezension: “Ne te retourne pas“ von Marina de Van

    Marina de Van legt ein spannendes Arthaus-Drama vor, das allerdings gegen Ende etwas zu wörtlich bzw. zu offensichtlich wird – da helfen auch die Computertricks nicht gerade, sondern lenken vielmehr vom Wesentlichen ab.

    Die Schriftstellerin Jeanne hat eine Familie, zwei Kinder und einen Mann. Sie ist etabliert als Verfasserin von Biografien, will aber einen autobiografischen Roman schreiben. Doch ihr Verleger winkt ab – nach dem Motto „Schuster bleib bei deinen Leisten“. Zu Hause ist Jeanne irritiert vom ihrer Meinung nach seltsamen Verhalten ihrer Kinder und ihres Mannes. Doch diese winken ebenfalls ab – bildet sich Jeanne alles nur ein, oder verändert sich ihre Umgebung langsam, aber doch drastisch?

    Morphing
    Natürlich erfahren wir im Laufe des Films mehr darüber – unterstützt durch CGI verwandeln sich die Menschen in Marina de Vans Film. Das ist ein grosser Fehler: Hitchcock oder Lynch haben ähnliche Geschichten – vielleicht eher aus männlicher Sicht – erzählt; CGI war aber sowohl beim grossen Altmeister Hitch wie auch bei Guru Lynch nie nötig. Doch den wirklichen Todesstoss versetzt Marina de Van ihrem Film glücklicherweise erst ganz am Schluss.

    Identitäten
    Man sollte also von ebendiesem abstrahieren und diesen Film – vor allem die erste Hälfte – nach Möglichkeit geniessen, denn er hat viel zu bieten. Und dann am Tag darauf „Mulholland Dr.“ und „Vertigo“ anschauen. In allen drei Filmen geht es nämlich um die Frage nach der Identität, die zwischen hell und dunkel, zwischen lateinisch und germanisch (bzw. italienisch und französisch im Falle von „Ne te retourne pas“) angesiedelt ist.

    Synthesen
    Aber eben: Schade, dass der Schluss von „Ne te retourne pas“ so plakativ ist. Aber vielleicht wollte Marina de Van eben ganz einfach keinen Zweifel lassen an ihrer Intention: Nur wer die verschiedenen Elemente der eigenen Identität akzeptiert, kann ein Leben in Einklang mit sich selber und ihrer/seiner Umgebung leben. Ko-Autor Jacques Akchoti hat übrigens zusammen mit Regisseur Markus Imhoof und Judith Kennel das Drehbuch zu „Flammen im Paradies“ geschrieben.

    Infos:
    “Ne te retourne pas”, Frankreich/Luxemburg/Belgien/Italien 2009 , 110 Min., R: Marina de Van, D: Sophie Marceau, Monica Bellucci, Andrea Di Stefano, Brigitte Catillon, Thierry Neuvic, Sylvie Granotier, V: Frenetic.

    Im Kino ab: 08.07.2010


    Rezension: “Micmacs à tire-larigot” von Jean-Pierre Jeunet

    Neu im Kino, Rezensionen | 15. Juli 2010 von Nicky Schaefer

    Rezension: «Micmacs à tire-larigot» von Jean-Pierre Jeunet

    Jean-Pierre Jeunet kehrt nach seinem eher langweiligen Weltkriegsdrama «Un long dimanche de fiançailles» wieder zum Skurrill-Verqueren zurück – und siedelt seinen neuen Film in der Gegenwart an.

    Bazil ist ein echter Loser. Als Kind ist sein Vater im postkolonialen Nordafrika Opfer einer Personenmine geworden, heute arbeitet er in einer Videothek – und kriegt glatt eine Kugel in den Kopf verpasst. Er wacht auf – und ist seinen Job los. Die skurrilen Charaktere, die im Untergrunddomizil namens Tire-Larigot («boire à tire-larigot» ist ein französischer Ausdruck für «saufen wie ein Loch») leben, adoptieren den obdachlosen Bazil. Zusammen wollen sie gegen die skrupellosen Konzerne kämpfen, die nicht nur Bazils Vater auf dem Gewissen haben…

    Génération Youtube
    Jean-Pierre Jeunet hat bis jetzt immer wieder mit einem nostalgischen Duktus geglänzt, der nicht zuletzt in seinem grössten Hit, «Le fabuleux destin d’Amélie Poulain», stark zum Ausdruck gekommen ist. Nach seinem misslungenen Weltkriegsdrama «Un long dimanche de fiançailles» hat er sich nun entschieden, eine ganz klar in der Jetztzeit angesiedelte Geschichte zu verfilmen, in der sogar Youtube seinen Platz hat. Ursprünglich wollte er den Film mit Jamel Debbouze besetzen, der bereits in «Amélie» zu sehen war. Debbouze hat sich aber anders entschieden – und so ist Dany Boon zum Zug gekommen.

    Krieg und Kolonialismus
    So sehen wir Dany Boon, den Star aus den «Ch’tis», nun wieder in einem ansprechenden Streifen – eine wahre Wohltat nach den Trashkomödien, in denen Boon vor Kurzem zu sehen war. Zwar ist «Micmacs» nicht der grosse Wurf, den wir eigentlich von einem Talent vom (pardon) Kaliber eines Jeunet erwarten. Und doch ist der Film ein Feuerwerk von Gags und Esprit, das hervorragend unterhält – und natürlich ein starkes (auch wenn eher persönlich-humoriges denn genuin politisches) Statement gegen (Neo-)Kolonialismus und Waffenhandel. Und auch ein gewisser Monsieur Sarkozy kriegt sein Fett weg.

    Hommage ans Kino
    Besonders hervorgehoben werden muss natürlich Julie Ferrier als «la Môme Caoutchouc», «une ame sensible dans un corps flexible». Zwar wird die Liebesgeschichte zwischen Dany und Julie nur angedeutet – der Film hat einfach so viel Action und Witz, das die Liebe daneben doch etwas zu kurz kommen muss. Wer weiss, vielleicht findet Jeunet das nächste Mal seinen Weg zurück zur intimen Atmosphäre der «Amélie». Wie dem auch sei: «Micmacs» ist nicht zuletzt eine faszinierende Hommage an den Film selbst. Ehrensache, dass selbst kleinere Rollen mit bekannten Gesichtern besetzt sind, von Omar Sy bis zur immer witzigen Yolande Moreau.

    Infos:
    «Micmacs à tire-larigot», Frankreich 2009, 105 Min., R: Jean-Pierre Jeunet, D: Dany Boon, Julie Ferrer, Omar Sy, Yolande Moreau, André Dussolier, Nicolas Marié, Jean-Pierre Marielle, V: Pathé.

    Im Kino ab: 15.07.2010


    Rezension: “Predators“ von Nimród Antal

    Neu im Kino, Rezensionen | 9. Juli 2010 von Nicky Schaefer

    Rezension: “Predators“ von Nimród Antal

    Das von Robert Rodriguez produzierte Sequel zu «Predator 2» ist ein perfekt gemachter Genrefilm nach Schema F – mit einem überraschenden Adrien Brody in der Hauptrolle als Tough Guy.

    Menschen aus aller Welt mit grösstenteils krimineller oder zumindest militärischer Vergangenheit werden in einer gnadenlosen Dschungelwelt von bestialischen Kreaturen gejagt… Royce (Adrien Brody) etwa ist ein drahtiger Tough Guy, der seinem Gegner immer einen Schritt voraus ist, während Isabelle (Alice Braga) trotz (oder gerade wegen?) militärischer Vergangenheit bei den Israeli Defence Forces das Herz auf dem rechten Fleck hat. Cuchillo (Danny Trejo) wiederum ist ein knallharter Killer, der früher für ein Drogenkartell arbeitete und nun zum ersten Opfer der seltsamen Wesen wird. Können Royce und seine Mitkämpfer ihn noch retten?

    Rodriguez und Antal
    Nimród Antal hat dank «Kontroll» beim Arthaus-Publikum einen guten Namen; mit dem in den USA gedrehten Film «Vacancy» hat der amerikanisch-ungarische Regisseur sich auch einem breiteren Publikum vorstellen können. Namentlich «Kontroll» und «Vacancy» haben Robert Rodriguez («Desperado», «Sin City», «Planet Terror») von Antals Können überzeugt; so hat er ihn beauftragt, beim von ihm produzierten «Predator»-Sequel Regie zu führen. Das von Alex Litvak und Michael Finch geschriebene Drehbuch basiert auf einer früheren Fassung von Rodriguez selbst, der ja – mehr noch als Quentin Tarantino – eine besondere Schwäche für Genrefilme hat.

    Brody als Genreheld
    Hier liegt auch das “Problem” von «Predators»: Geniessbar ist der Film natürlich nur für Menschen, die Genrefilme (in diesem Falle: Action/SF/Horror) mögen. Was im Grunde genommen natürlich gar kein Problem ist. Denn eigentlich stimmt alles bei «Predators»: von der “homo homini lupus”-Moral komplett mit Hemingway-Zitat bis zu den hervorragend ausgewählten SchauspielerInnen. Nicht nur Adrien Brody und Alice Braga wissen zu überzeugen – es zeichnet den Film aber doch aus, das Nimród Antal eben nicht einen Muskelmann à la Arnie (wie im ersten Film der Serie) wollte, sondern vielmehr einen Schauspieler, der eher für seine Darstellung von Polit-Aktivisten («Bread and Roses») oder Musikern («The Pianist») bekannt ist.

    Macguffin
    «Predators» ist also alles, was man von einem guten Genrefilm erwarten darf. Und noch mehr, denn während der durchschnittliche Actionstreifen im Verlauf der Handlung eher an Spannung verliert, wird «Predators» immer spannender. Die Frage, was denn eigentlich vor sich geht – wer diese Kreaturen sind, die es auf die Menschen abgesehen haben – ist da eher sekundär und muss eher als MacGuffin gewertet werden. Besondere Erwähnung verdient Laurence Fishburne als SF-Inkarnation von Colonel Kurtz, der aber nur ein kürzeres Gastspiel innehat.

    Infos:
    “Predators”, USA 2010, 106 Min., R: Nimród Antal, D: Adrien Brody, Alice Braga, Danny Trejo, Laurence Fishburne, Topher Grace, V: Fox.

    Im Kino ab: 08.07.2010


    Rezension: “Die Fremde“ von Feo Aladag

    Neu im Kino, Rezensionen | 8. Juli 2010 von Nicky Schaefer

    Rezension: “Die Fremde“ von Feo Aladag

    Feo Aladag legt mit ihrem Film ein starkes Familiendrama vor – das allerdings in der zweiten Hälfte immer vorhersehbarer wird und unter der klischierten Darstellung der Protagonisten leidet.

    Die Deutsch-Türkin Umay lebt mit ihrem gewalttätigen Ehemann und ihrem Kind in Berlin. Doch ihre Familie verwehrt ihr das Recht auf ein eigenes Leben – am Schluss bleibt ihr nur noch die Flucht ins Frauenhaus. Ihre beste Freundin hilft ihr dabei – und bei der Arbeit freundet sie sich mit dem netten Stipe an.

    Superschnuckel Stipe
    In der Darstellung des konservativ-türkischen Milieus ist „Die Fremde“ wirklich stark – um so lachhafter wirken die süssen deutschen bzw. assimilierten Mitbürger, die alle superschnuckelig daherkommen – wie aus dem Bilderbuch. Darüber kann auch die Tatsache nicht hinwegtäuschen, dass auch die assimilierten Figuren multikulturell gezeichnet werden und entweder sogar des Türkischen mächtig sind oder gar balkanische Wurzeln haben sollen – was allerdings alles blosse Behauptung bleiben muss, da die SchauspielerInnen Deutsche sind. Mindestens so problematisch wie diese manichäische Figurenzeichnung sind aber die dramaturgischen Mängel des Films.

    Bierernst
    „Die Fremde“ plätschert nämlich nach einem starken Anfang einfach so vor sich hin wie ein x-beliebiger Fernsehfilm. Das ist wirklich schade, denn „Die Fremde“ hätte das Potenzial zu mehr. Und dass es sich um reale Probleme handelt, die der Film anspricht, muss wohl nicht weiter erörtert werden. Interessant ist dabei ein Vergleich mit dem niederländischen Film „Shouf Shouf Habibi“ (2004): ein Film, der auch den west-östlichen Culture Clash behandelt. Während der niederländische Film aber humorig daherkommt und selbst noch die schlimmsten Auswüchse des Patriarchats in die Komödie reinpackt, ist „Die Fremde“ von A bis Z bierernst.

    Fernsehfilm
    Das muss nicht schlecht sein – man denke etwa an „Gegen die Wand“, mit dem nicht nur Fatih Akin, sondern auch Sibel Kekilli, die in „Die Fremde“ wieder die Hauptrolle innehat, den Durchbruch geschafft hat. Aber eben, „Die Fremde“ ist im Grunde genommen ein typischer deutscher TV-Problemstreifen – da kann auch die wirklich starke erste Hälfte des Films nicht darüber hinwegtäuschen

    Infos:
    „Die Fremde“, Deutschland 2010, 119 Min., R: Feo Aladag, D: Sibel Kekilli, Nizam Schiller, Derya Alabora, Settar Tanriogen, Serhad Can, Florian Lukas, V: Stamm.

    Im Kino ab: 08.07.2010


    Rezension: “Shrek Forever After“ von Mike Mitchell

    Neu im Kino, Rezensionen | 7. Juli 2010 von Nicky Schaefer

    Rezension: “Shrek Forever After “ von Mike Mitchell

    Der lustige grüne Oger ist wieder zurück – diesmal in 3D und zudem in seinem besten Film seit seinem Début vor neun Jahren.

    Rumpelstilzchen ist todtraurig. Prinzession Fiona hat ihre eine wahre Liebe gefunden und lebt glücklich mit Shrek zusammen – als Ogerin. Doch Stilzchen wittert eine neue Chance, als er sieht, wie sehr Shrek das Familienleben mit der grünen Brut hasst. Shrek ist gar nicht mehr der gefürchtete Oger, der er früher mal war – sondern vielmehr ein von allen geliebtes domestiziertes Monster. Durch eine List zaubert Stilzchen alles weg – Shrek ist wieder das gefürchtete Monster, allerdings in einer Welt, in der Stilzchen herrscht, unterstützt von fliegenden Hexen.

    Märchen oder Antimärchen
    Bei Shrek ist die Grenze zwischen Antimärchen und traditionellem Märchen immer schon fliessend gewesen – so auch in „Shrek Forever After“. Der vierte Teil der Saga ist witziger, temporeicher als die bisherigen Sequels – und gerade auch der Einsatz der Musik ist wirklich überzeugend, wenn etwa der Rattenfänger von Hameln die Hexen zu „Root Down“ von den Beastie Boys tanzen lässt oder Rumpel seine Untertanen mit „Orinoco Flow“ von Enya einlullt.

    Witziges Drehbuch
    Doch was die „Shrek“-Filme wirklich ausmacht, sind natürlich die Figuren – das Drehbuch von Josh Klausner bietet aber, anders als die doch ziemlich lahme Rom-Com „Date Night“, zu dem er ebenfalls Story und Dialoge beigesteuert hat, wirklich Spass und Spannung – während vor allem der dritte Shrek-Film eher eine Ansammlung von zum Teil doch bereits abgegriffenen Charakteren war. Anders als „Date Night“ hat es Klausner also bei Shrek geschafft, dem grünen Ungetüm eine Frischzellenkur zu verpassen.

    3D für die Massen
    Und dann ist da natürlich noch das Element 3D. Animationsfilme eignen sich naturgemäss für die neue, aufgefrischte 3D-Technologie, im Grunde genommen war ja auch „Avatar“ nichts anderes als ein Animationsfilm – durchaus in der Tradition von „Mary Poppins“ in seiner Mischung aus Real- und Animationsfilm. Durch die fliegenden Hexen und die über weite Strecken in einer Art Parallelwelt (komplette mit Freiheitskämpfern und politischen Seitenhieben) angesiedelte Handlung verfügt „Shrek Forever After“ zudem noch über weitere Elemente, die sich für das Medium 3D anbieten. Alles in allem ist „Shrek Forever After“ also ein perfekt gemachter Spass für Gross und Klein.

    Infos:
    “Shrek Forever After”, USA 2010, 93 Min., R: Mike Mitchell, S: Mike Myers, Cameron Diaz, Eddie Murphy, Antonio Banderas, Walt Dohrn, V: Universal.

    Im Kino ab: 07.07.2010


    Rezension: “No One Knows About Persian Cats“ von Bahman Ghobadi

    Neu im Kino, Rezensionen | 5. Juli 2010 von Nicky Schaefer

     Rezension: “No One Knows About Persian Cats“ von Bahman Ghobadi

    Der neue Film des kurdisch-iranischen Regisseurs wurde grösstenteils mit Laien gedreht und bietet einen spannenden Einblick in die illegale Musikszene Teherans – und gibt auch einen starken Eindruck vom schwierigen Leben im Iran.

    Negar und Ashkan leben in Teheran. Soeben wurden die zwei Indie-MusikerInnen aus dem Gefängnis entlassen. Zurück in der Freiheit versuchen sie, andere MusikerInnen davon zu überzeugen, mit ihnen in den Westen zu reisen. Leichter gesagt als getan – die Visas und Pässe, die ein älterer Herr namens Mash David anbietet, sind nicht ganz billig. Und auch Nader, der ihnen mit Rat und Tat zur Seite steht, wurde soeben von der Polizei aufgegriffen. Es sieht nicht gut aus für Negar und Ashkan…

    Musik
    Bahman Ghobadi hat in “No One Knows About Persian Cats“ nicht zum ersten Mal mit Laien gearbeitet, und es ist auch nicht das erste Mal, dass die Musik im Zentrum steht. Neu allerdings ist, dass “No One Knows About Persian Cats“ in einer Stadt, und zwar in der iranischen Hauptstadt Teheran spielt. Dementsprechend kommen in “No One Knows About Persian Cats“ auch zahlreiche Stile vor, die junge Menschen in einer Grossstadt faszinieren, von Indie über HipHop bis zu Techno, von Metal bis World Music.

    Bedrohung
    Die videoclipartigen musikalischen Intermezzi, die den Film durchziehen, lockern diesen nicht unbeträchtlich auf. Die bedrohliche Grundstimmung des Films wird so etwas abgeschwächt. Bahman Ghobadi hat den Film komplett illegal gedreht; er wurde nach der Première in Cannes auch flugs verhaftet. Ko-Autorin Roxana Saberi ereilte dieses Schicksal schon vor der Erstaufführung; unterdessen sind aber beide wieder auf freiem Fusse.

    Poesie
    Der kurdisch-iranische Regisseur Ghobadi legt mit “No One Knows About Persian Cats“ einen eindrücklichen Film vor, bei dem gerade musikinteressierte Menschen auf ihre Kosten kommen. Gleichzeitig ist der Film aber trotz allem nie lediglich Dokumentation oder Doku-Drama, dazu sind nicht zuletzt die Figuren viel zu scharf herausgearbeitet, und auch in dramaturgischer Hinsicht weiss der Film mit viel Poesie zu überzeugen. Die Postproduction des Films wurde übrigens zumindest teilweise in Deutschland fertiggestellt. Zu recht wurde Ghobadis neuer Film in Cannes mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet.

    Infos:
    “Kasi az gorbehaye irani khabar nadareh”, Iran 2009,  106 Min., R: Bahman Ghobadi, D: Negar Shaghaghi, Ashkan Koshanejad, Hamed Behdad. V: Frenetic.

    Im Kino ab: 01.07.2010


    Rezension: “The Private Lives of Pippa Lee“ von Rebecca Miller

    Neu im Kino, Rezensionen | 1. Juli 2010 von Nicky Schaefer

    Rezension: “The Private Lives of Pippa Lee“ von Rebecca Miller

    Rebecca Millers Verfilmung ihres gleichnamigen Romans bietet gute Unterhaltung – und jede Menge Stars.

    Pippa Lee, ehem. Sarkissian, hats nicht leicht. Ihr Mann, der ältere Literaturagent Herb Lee, lässt sich mit ihr in Miami nieder. In diesem neuen gerontophilen Umfeld kommt sich Pippa so fremd vor wie Schmidt in „About Schmidt“ gegenüber seiner Frau. Pippa interessiert sich im Grunde genommen mehr für einen jüngeren Mann, den von Keanu Reeves dargestellten Sohn einer Rentnerin. In Rückblenden sehen wir, wie Pippa von der attraktiven Koksnase, die die Drogensucht ihrer eigenen Mutter neu inszeniert, zur Vorzeigeehefrau Pippa Lee wurde. Doch im Grunde genommen ist Pippa immer noch auf der Suche – während ihr Mann einfach sein Leben weiterleben will, trotz allem. Aber welchen Platz hat Pippa darin?

    Sich selber finden…
    Rebecca Millers Verfilmung ihres eigenen Romans ist einerseits hervorragende Unterhaltung, andererseits wie vor ihr „Then She Found Me“ von Helen Hunt ein streckenweise etwas kurioses Dokument einer doch schon reifen Frau auf der Suche nach sich selbst. Da passt es auch, das Cornel West, der afroamerikanische Denker, einen kleinen Gastauftritt hat in „Pippa Lee“. Das erinnert stark an Salman Rushdies merkwürdiges Cameo in Helen Hunts Film.

    …oder auch nicht
    Im Grunde genommen ist „Pippa Lee“ aber wohl der interessantere Film, da Fragen nach Generationen- und Gender-Konflikten hier doch mit mehr Witz abgehandelt werden. Witzig bzw. tragisch sind natürlich auch Julianne Moore und Monica Bellucci, Winona Ryder und viele andere in ihren Nebenrollen – auch wenn gerade die dramatischen Szenen etwas Fehl am Platz wirken. Im Grunde genommen ist „Pippa Lee“ eben doch wie „Then She Found Me“ eine leichtfüssige Komödie – die sich aber doch nicht wirklich finden will.

    Cinetherapie
    Die Suche von Pippa Lee ist also auch Helen Hunts bzw. April Epners Suche in „Then She Found Me“ – und natürlich mehr noch die Suche von Rebecca Miller nach einer eigenen filmischen Sprache. Das Kino als Therapie? Ja, warum eigentlich nicht. Denn sicherlich erkennen wir uns alle doch auch ein Stück in Pippa – oder auch in ihrem Mann Herb, von Alan Arkin wie immer mit Verve interpretiert. Wie dem auch sei: Das Leben ist eine Tragikomödie, auch wenn das Komödiantische oft nicht wirklich ersichtlich ist. Genau so ist „Pippa Lee“.

    Infos:
    “The Private Lives of Pippa Lee”, USA 2009, 98 Min., R: Rebecca Miller, D: Robin Wright Penn, Mike Binder, Alan Arkin, Winona Ryder, Cornel West, Maria Bello, Keanu Reeves, Julianne Moore, Monica Bellucci, V: Rialto.

    Im Kino ab: 24.06.2010


    Rezension: “Toumast“ von Dominique Margot

    Neu im Kino, Rezensionen | 30. Juni 2010 von Nicky Schaefer

    Rezension: “Toumast“ von Dominique Margot

    Die schweizerisch-französische Filmemacherin Dominique Margot legt einen engagierten Dokumentarfilm vor, bei dem ein musizierendes Tuareg-Paar im Mittelpunkt steht.

    Moussa und Aminatou leben in Frankreich, unter dem Namen Toumast machen sie Musik. Sie stammen beide aus dem nordafrikanischen Volk der Tuareg, die sich in ihrer eigenen Sprache, dem Tamascheq, als Sprecher des Tamascheq oder als freie Menschen bezeichnen. Moussa und Aminatou leben beide in Europa, da ihre Heimat von verschiedenen Parteien beansprucht wird: von verschiedenen Staaten, von verschiedenen Tuareg-Fraktionen, aber neuerdings auch von multinationalen Unternehmen und westlichen Regierungen, die es auf das Uran im traditionellen Gebiet der nomadisch lebenden Tuareg abgesehen haben.

    Engagement
    Im Dokumentarfilm der schweizerisch-französischen Regisseurin Dominique Margot stehen die Menschen im Vordergrund: zuallererst Moussa und Aminatou, aber auch Militante aus der Bewegung sowie Menschen, die sich für Frieden und Aufklärung engagieren, allen voran Tilwat, eine musizierende Gruppe von Witwen und alleinerziehenden Müttern.

    Wichtige Hintergründe werden von Dominique Margot mit Voice-Over und Karten eingeblendet – allerdings nur absolute Basics etwa über den Widerstand gegen den Kolonialismus. Nicht zur Sprache kommt etwa das Alphabet der Tuareg, das Tifinagh, auch wenn Moussa und Aminatou natürlich von der Sprache, der Kultur und der Identität der Tuareg erzählen – schliesslich heisst ihre eigene Gruppe Toumast, also Identität. Am Rande erwähnt Moussa auch die Wurzeln der modernen Tuareg-Musik, die hierzulande vor allem durch die Gruppe Tinariwen auch einem breiteren Publikum bekannt sein dürfte.

    Musik und Widerstand
    Insgesamt ist „Toumast“ also eine gute Mischung aus persönlichem Dokument und filmischer Geschichtsstunde. Vor allem kommen natürlich alle auf ihre Kosten, die sich für die Musik der Tuareg interessieren – auch die traditionelle Musik wird nicht ausgespart.

    Daneben ist „Toumast“ natürlich auch das Dokument eines Volkes, das sich gegen die Kräfte der Sesshaften, der Arabisierung, der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen mit allen Mitteln zur Wehr setzt – und wohl doch den Kürzeren ziehen wird, da nicht nur regionale, sondern auch internationale Interessen auf dem Spiel stehen. Trotz allem ist „Toumast“ aber kein deprimierender Film, da die Musik eine wichtige Rolle spielt – und dank des Geist des Widerstandes, den die Tuareg auch heute noch beseelt.

    Infos:
    “Toumast – Entre guitare et kalashnikov”, CH 2010, 88 Min., R: Dominique Margot, V: Moviebiz.

    Im Kino ab: 24.06.2010