Rezension: “Duplicity” von Tony Gilroy
Neu im Kino, Rezensionen | 30. April 2009 von Lory Roebuck
Regisseur und Drehbuchautor Tony Gilroy tischt nach seinem Oscar nominierten “Michael Clayton” einen weiteren Konzernthriller auf. Dieser besticht mit Wortwitz, dynamischen Wendungen - und mit Julia Roberts und Clive Owen als charmante Protagonisten.
Die ehemalige CIA-Beamtin Claire Stenwick (Julia Roberts) und der ehemalige MI6-Agent Ray Koval (Clive Owen) strecken sich nach dem grossen Coup aus. Sie haben ihre jeweilige Arbeit beim Geheimdienst quittiert, um sich bei zwei rivalisierenden Grosskonzernen einzuschleusen. Sie arbeitet beim Titan Howard Tully (Tom Wilkinson) an einem gewinnbringenden neuen Geheimprodukt, er versucht für Chefetagen-Freibeuter Dick Garsik (Paul Giamatti) Tullys Rezeptur zu klauen. In Wirklichkeit aber wollen Claire und Ray in gemeinsamer Sache die beiden Unternehmen gegeneinander ausspielen und selber das grosse Geld machen. Doch sie sind nicht als Einzige mit gewieften Tricks ausgestattet.
Von Staats-Spionage zum Industriediebstahl
Der gebürtige New Yorker Tony Gilroy machte sich bis vor Kurzem eigentlich als smarter Drehbuchautor der “Bourne”-Trilogie einen Namen. Bei seinen Recherchen zu “The Bourne Identity” (2002), “The Bourne Supremacy” (2004) und “The Bourne Ultimatum” (2007) stiess er aber auf viele ehemalige Geheimdienstler, die in die Privatindustrie gewechselt waren. Dieser Gedanke bildete eine Art Sprungsbrett zu seinem gelungenen Regiedebüt “Michael Clayton” (2007), der mit sieben Oscarnominierungen bedacht wurde. Für seine zweite Regiearbeit “Duplicity” wandte Gilroy seinen Blick erneut auf die schmutzigen Machenschaften in der Geschäftswelt - doch anstelle des unnahbaren Einzelgängers George Clooney steht jetzt die Leinwandromanze zwischen Clive Owen und Julia Roberts im Mittelpunkt.
Der Zuschauer lernt Ray und Claire in mehreren Rückblenden kennen, die das Zustandekommen ihrer Liebesbeziehung nachzeichnet und die eigentliche Haupthandlung um ihren gemeinsamen Coup in Manhatten immer wieder unterbricht. Obwohl Gilroy diese Einschübe etwas zu oft einsetzt, erwirkt er dadurch ein erfrischend dynamisches Storytelling, dass der leichtfüssigen Inszenierung und den geistreichen Dialogen entgegenkommt. Owen und Roberts geben ein charmantes Leinwandduo ab, dem man anmerkt, dass es sich bestens miteinander versteht. Die beiden Hollywoodstars waren bereits 2006 in Mike Nichols Theaterverfilmung “Closer” gemeinsam vor der Kamera gestanden. Ihre Filmfiguren in “Duplicity” mögen mitunter zwar wie Karikaturen aus einer Screwball-Komödie wirken, nichtsdestotrotz ist es immer wieder amüsant mitanzusehen, wie sie sich wiederholt gegenseitig in die Falle tappen, weil sie ihre vertrauenslose Berufslügnernatur nicht ablegen können.
Doppelspiel
“Duplicity” - der Titel ist Programm. Nicht nur die persönlichen Verstrickungen zwischen Claire und Ray münden immer wieder in ein ständiges Doppelspiel, auch in den oberen Etagen der Chefs hintergeht jeder jeden, haut bald jeder alle anderen übers Ohr. Gilroy wirft ein Verwirrspiel auf, das immer neue Überraschungen bereit hält. Die Fronten wechseln andauernd, bis sei kaum noch klar umrissen sind. Eine Wendung türmt sich im Handlungsverlauf auf die nächste strudelartig in die Höhe. Am Anfang ist das faszinierend und spassig, nach über zwei Stunden Spieldauer zum Schluss aber eher schwindelerregend. Gilroys Enthusiasmus am eigenen Projekt hat wohl Überhand gewonnen, aber etwas weniger wäre mehr gewesen. Obwohl “Duplicity” zugegebenermassen am Ende auf eine ganz köstliche Pointe hinausläuft.
Gilroys gescheiteste Wendung ist nämlich schon die, dass er den Kalten Krieg in die Grossstadt verlegt hat. Hier bekriegen sich nicht gegnerische Nationen, sondern konkurrierende Grossunternehmen - das aber nicht weniger erbittert. Die geniale Eröffnungsszene verbildlicht das perfekt: Draussen vor den eigenen Corporate Jetplanes, die Assistenten und Untergebenen im Schlepptau, laufen die Business-Giganten Tully und Garsik im strömenden Regen aufeinander zu, die Zeitlupe stilisiert die drohenden Gesten, die feurige Mimik, den fliegenden Speichel, die in eine urtümlichen Pausenhofschlägerei mit Vormachtsanspruch ausarten. Es ist ein Bild, das stellvertretend für den gesamten Film steht, der den zeitgenössischen Gesellschaftskampf gewaltig auf die Schippe nimmt.
![]()
Infos:
“Duplicity”, USA 2009, 125 Min., R: Tony Gilroy, D: Clive Owen, Julia Roberts, Tom Wilkinson, Paul Giamatti.
Im Kino ab: 30.04.2009






















= Meisterwerk








