Rezension: “Public Enemies” von Michael Mann
Neu im Kino, Rezensionen | 31. Juli 2009 von Lory Roebuck
Michael Mann inszeniert den berüchtigen Bankräuber John Dillinger als romantisierten Helden der Depressionsära. Trotz Johnny Depps starkem Schauspiel überzeugt das Gangsterepos nicht ganz: Die Filmfiguren lassen Tiefe vermissen und die moderne Digitalästhetik des Films ist unpassend.
Anfang der 30er herrscht in den USA die Weltwirtschaftskrise. Der Gangster John Dillinger (Johnny Depp) räumt eine Bank nach der anderen aus, die Polizei kann seinen Raubüberfällen scheinbar nur tatenlos zusehen. “Ich kann mir eine einzelne Bank aussuchen, wann es mir beliebt; die Polizei dagegen muss zu jeder Zeit jede einzelne Bank im Auge behalten,” erklärt Dillinger einmal seiner Geliebten Billie Frechette (Marion Cotillard), einer grossäugigen Garderobenarbeiterin, die Dillinger mit den Worten “Ich bin John Dillinger, ich raube Banken aus” in sein turbulentes Leben aufgesogen hat. Wird Dillinger doch einmal aufgegriffen, ist die Flucht aus dem Gefängnis oft ein Kinderspiel. Um den beim Volk ungemein beliebten Gangster aufzuhalten, entsteht dann aber unter der Leitung von Fahndungsadministrator J. Edgar Hoover (Billy Crudup) die erste landesweite Polizeimacht. Hoover, mit modernster Fahndungsausrüstung ausgestattet, schickt darauf den Starbeamten Melvin Purvis (Christian Bale), den “Clark Gable des FBI”, auf die Jagd nach Dillinger und dessen Truppe.
Volksheld oder Krimineller?
John Dillinger raubte in den Dreissigerjahren in den USA unzählige Banken aus; im Gefängnis sass er seine Taten nie lange ab, da er wiederholt in spektakulären Aktionen auszubrechen wusste. Zum Staatsfeind Nummer 1 deklariert war er der entscheidende Grund, dass zum ersten Mal eine staatenübergreifende, landesweite Polizeibehörde zustandekam: das FBI. Dillingers kriminellen Machenschaften begeisterten in der Ära der Depression die ganze Nation, die von finanziellen Nöten geplagt war und dem Bankwesen deshalb schon längst ihr Vertrauen entzogen hatte. Auch dank seinem Charme und seinem Wagemut wuchs Dillinger so schon zu Lebzeiten zu einer Legende, er war die Symbolfigur für das Volk, der sich das Geld wieder zurücknahm, das die Banken den verarmten Bürgern ihrem Gefühl nach gestohlen hatten.
Der amerikanische Filmemacher Michael Mann, Regisseur von packenden Dramen und Thrillern wie “The Last of the Mohicans” (1992), “Heat” (1995), “The Insider” (1999) und “Collateral” (2004), bringt nun diesen Stoff als Gangsterepos auf die Leinwand. “Indem er Banken ausraubte und die Regierung an der Nase herumführte, wurde er praktisch zum Sprachrohr der von der Depression niedergeschlagenen Bevölkerung”, wird Mann im Presseheft zum Film über Dillinger zitiert. “Er war ein prominenter Gangster, ein populistischer Held.” Von solch einem populistischen Helden ist in “Public Enemies” aber leider - überraschenderweise - eigentlich nur wenig zu sehen, und das ist der erste grosse Schwachpunkt des Films. Michael Mann inszeniert und Hauptdarsteller Johnny Depp spielt Dillinger als romantisierten Gangster, der alles will, und zwar gleich. Was für Auswirkungen die Depression auf das Volk hatte, wird im Film gar nicht beleuchtet, weshalb der Film-Dillinger viel weniger als Volksheld denn als charmanter Draufgänger ohne wirkliche Tiefe rüberkommt.
Der Gangster und der Beamte
Im Zentrum von “Public Enemies” steht stattdessen der Konflikt zwischen zwei Männern, die gesellschaftlich gesehen an sich gegenüberliegenden Enden stehen, geistig aber so etwas wie Seelenverwandte sind. Es ist dies ein Motiv, das Mann schon in früheren Werken wie “Manhunter”, “Collateral” oder - hier dank Al Pacino und Robert De Niro am eindrücklichsten - “Heat” behandelt hat. Dillingers Nemesis ist der Beamte Melvin Purvis, der fleissige Posterboy des FBIs, der damals medienwirksam die Grossfahndung nach Dillinger und seiner Crew anführte. So charmant und lässig wie sich Dillinger im Film gibt, so konzentriert und bestrebt hängt ihm Purvis an den Fersen. In ihren Tätigkeitsbereichen sind aber beide in gleicher Weise absolute Profis und einzigartige Persönlichkeiten. Johnny Depp verkörpert Dillinger in “Public Enemies” in absolut überzeugender Weise, mit viel Zurückhaltung und immer schön nuanciert. Purvis-Darsteller Christian Bale dagegen ist halt einfach Christian Bale: ein Star und das Gesicht der neuen “Batman” und “Terminator”-Filme, aber im Grunde genommen sind alle seine Figuren in ihren Manierismen untereinander austauschbar. Nichtsdestotrotz ist es gerade diese Dynamik zwischen Dillinger und Purvis, Depp und Bale, die die Filmhandlung trägt und ihre Spannung ausmacht.
Wunderschön ist auch das sorgfältige und epochengetreue Produktionsdesign von Nathan Crowley und die Kostüme der zweifachen Oscarpreisträgerin Coleen Atwood. Umso mehr stört dann, dass all das in “Public Enemies” gar nicht wirklich zur Geltung kommt. Der in Gangsterstreifen sonst so prominente Retrolook des Zelluloids fehlt hier völlig, Mann setzt stattdessen wie auch schon bei “Collateral” und “Miami Vice” auf digitale high-definition Kameras. Die Bilder von Kameramann Dante Spinotti sind zwar gestochen scharf und ungeheuer kontrastreich, entbehren aber jeglichem Charme. Klar, “Public Enemies” setzt sich dadurch von anderen Gangsterfilmen merklich ab. Auch Manns Begründung leuchtet prinzipiell ein: Die moderne Newsästhetik des Films ist viel unmittelbarer und “wahrheitsgetreuer”, will sich der Zuschauer in die Ereignisse der damaligen Zeit hineinversetzen. Die modernen Bilder sind also nicht einfach Selbstzweck. Besonders schön anzusehen sind sie aber deswegen trotzdem nicht. Und weil Spinotti oft Handkameras einsetzte, sind die Aufnahmen immer wieder verwackelt, sodass man insgesamt trotz der beeindruckenden Ausstattung des Films nicht gerade von einem Augenschmaus reden kann.
Auf Papier überzeugender
Die fehlende Tiefe bei der Figurenzeichnung - die auch sehr stark bei der von Oscargewinnerin Marion Cotillard (”La vie en rose”) gespielten Billie Frechette, Dillingers Herzdame, bemerkbar ist - und der digitale Look sind zwei eklatante Schwächen, die “Public Enemies” vom Aufstieg in den Olymp der Gangsterfilme (”Carlito’s Way”, “Once Upon a Time in America”, “Goodfellas”, “The Godfather” etc.) abhalten. Denn in Szene gesetzt sind die Filmsequenzen an sich hervorragend, sowohl die Schiessereien als auch die ruhigeren Momente. Ganz stark gelungen ist Mann vor allem eine Szene, in der Dillinger selber das (weitgehend verlassene) Fahndungsbüro von Melvin Purvis und seiner Mannschaft betritt, und sich dort in aller Seelenruhe Landkarten mit seinen letzten Aufenthaltsorten und aufgehängte Fotografien von sich selbst ansieht, die gesamthaft schon fast einen ehrfürchtigen Eindruck erwecken. Aber auch wenn “Public Enemies” trotz seinen 143 Minuten nur selten Längen aufweist, auf dem Papier liest sich die Kombination von Michael Mann, Johnny Depp, Christian Bale und einem Gangsterfilm um den Bankräuberhelden John Dillinger viel überzeugender, als sie auf der Leinwand zu sehen ist. Schade.
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Infos:
“Public Enemies”, USA 2009, 143 Min., R: Michael Mann, D: Johnny Depp, Christian Bale, Marion Cotillard, Billy Crudup, Stephen Lang, Stephen Dorff, Giovanni Ribisi, Emilie de Ravin, David Wenham, Lili Taylor.
Im Kino ab: 30.07.2009























= Meisterwerk








