
Die von zahlreichen Fans heiss ersehnte erste Fortsetzung der puritanischen Vampirromanze “Twilight” ist produktionstechnisch weitaus gelungener als ihr Vorgänger. Das Sequel leidet aber erheblich an seiner erzählerischen Schwäche.
Bella Swann (Kristen Stewart) feiert ihren 18. Geburtstag bei ihrem Geliebten Vampirfreund Edward Cullen (Robert Pattinson). Beim Öffnen eines Geschenks schneidet sie sich an der Hand, worauf Edwards Vampirfamilie dem Geruch ihres Blutes zu erliegen droht. Edward kann die Katastrophe gerade noch abwenden, sieht aber ein, dass er sich von Bella trennen muss, will er sie keiner weiteren Gefahr aussetzen. Die Cullens verschwinden plötzlich ohne Spur. Aus einer monatelangen Depression verhilft Bella erst die Suche nach dem Nervenkitzel, bei der ihr jedesmal Edward als warnender Geist erscheint, und ihr Kindheitsfreund Jacob Black (Taylor Lautner), der aber ebenfalls mehr ist als nur ein weiterer Junge von nebenan. Bella und Jacob kommen sich näher, doch dann erfährt Bella plötzlich, dass Edward bei den Volturi, einem adligen Vampirsgeschlecht in Italien, seinen eigenen Tod provozieren will, weil er glaubt, Bella habe Selbstmord begangen. Entgegen Jacobs Flehen reist sie zu Edward, um ihn von seinem Vorhaben abzuhalten.
Das Twilight-Phänomen
Der Vampirliebesroman “Twilight” von Autorin Stephenie Meyer entwickelte sich nach seiner Erstveröffentlichung 2005 in den USA schlagartig zum Bestseller. Die inzwischen vierteilige Buchserie hat sich bisher über 40 Millionen Mal verkauft und eine riesige Fangemeinschaft nach sich gezogen, die der von “Harry Potter” zuerst Konkurrenz machte und nun den Rang abzulaufen scheint. Das amerikanische Independentstudio Summit Entertainment roch den Goldesel am schnellsten und brachte im Herbst 2008 mit “Twilight” die gleichnamige Verfilmung des ersten Bands ins Kino. Dass sich die junge Fangemeinde auch fürs Kino gewinnen lassen kann, zeigte sich daran, dass die Verfilmung von Catherine Hardwicke dem Studio nicht weniger als 350 Millionen Dollar in die Kassen spülte. Konsequenterweise leitete Summit schnellstmöglich die Verfilmung von Band 2, “New Moon”, in die Gänge. Und so kommt der wiedererkennungshalber als “The Twilight Saga: New Moon” betitelte Film nun bereits ein Jahr nach dem Kinorelease von “Twilight” auf die Grossleinwand – mit einem viel grösseren Produktionsbudget ausgestattet und einem erfahreneren Regisseur am Ruder.
“The Twilight Saga: New Moon” kommt beides zugute. Die zusätzlichen finanziellen Mittel sind jeder Einstellung des Sequels anzusehen. Die Kameraaufnahmen sind grandioser, die Soundeffects machen mehr Eindruck, die Vampire sehen nicht mehr wie überschminkte B-Movie Albinos aus und die Computereffekte und Actionsequenzen können sich mit anderen Blockbustern messen lassen. Regisseur Chris Weitz, der mit “The Golden Compass” 2007 Erfahrung bei der Verfilmung eines Fantasyromans sammeln konnte, kehrt mit “New Moon” dankenswerterweise von der unterkühlten und ungemein prätentiösen Emo-Goth-Ästhetik des Vorgängerfilms ab. Im Gegensatz zu Hardwickes Szenen strotzen die von Weitz nicht mehr vor peinlich erzwungener Teenie-Unbehaglichkeit, und der blassbleiche Vampir Edward Cullen macht auch nicht mehr ständig den Eindruck, als müsse er sich jeden Moment übergeben. Zuguterletzt muss man Weitz noch anrechnen, dass seine Verfilmung so etwas wie eine kohärente Narration, ein roter Faden, durchzieht – nach Hardwickes stackeliger Aneinanderreihung von Sequenzen aus der Romanvorlage definitiv eine Steigerung.
Handlungsschleife mit biederer Protagonistin
Dass man bei “New Moon” trotzdem nicht von einem gelungenen Film sprechen kann, liegt vor allem daran, dass die eigentliche Filmhandlung ziemlich bieder ist. Zwar wird gleich zu Beginn mit einem Traum, in dem sich Protagonistin Bella Swann als alte Dame neben ihrem ewigjungen Vampirherzbub Edward sieht, ein interessanter Themenbogen eröffnet, doch selbst nach einer Anreicherung mit Versatzstücken aus “Romeo & Julia” (Freitod als Reaktion auf das Ableben des Geliebten) läuft das Ganze mehrheitlich auf eine Wiederholung des ersten Films hinaus: Bella verliert ihr familiäres Umfeld (in Teil 1 zieht sie in eine neue Stadt, in Teil 2 wird sie von den Cullens verlassen) und kommt in ihrer Isolation einem hübschen Jungen näher (1: Edward Cullen, 2: Jacob Black), bevor sich dann allerdings herausstellt, dass dieser Junge in Wirklichkeit ein monströses Fabelwesen ist (1: Vampir, 2: Werwolf), das sie beschützen will und gleichzeitig in Gefahr bringt. Diese thematische Repetition schadet dem Film umso mehr, als dessen Handlung zu einem grossen Teil, als wir etwa eine Stunde lang im Zuge von Bellas Depression über die Vorgeschichte des Quileute-Stamms und ihrer Verbindung zu Wölfen lernen, nur schwerfällig voranschreitet und kaum Spannung zu erzeugen vermag.
Das wirklich Schlimme an “New Moon” ist aber, dass Bella Swann in diesem Teil eine ganz misslungene Protagonistin hergibt. Als Sympathieträgerin und Projektionsfläche für die Emotionen der Zuschauer versagt diese Figur vollkommen. Schuld daran ist nicht Darstellerin Kristen Stewart, die Solides leistet (aber eher in anderen Filmen wie “Into the Wild” oder “Adventureland” ihr Können unter Beweis stellt), sondern das Script: Bella kriegt von “ihren” Männern Edward und Jacob eine chauvinistische Besitzgier entgegengebracht, die sie – ebenso verwerflich – selbstsüchtig (und in vollem Bewusstsein davon) ausnutzt. So gibt sie dem hoffnungslos in sie verliebten (und neu ungemein muskelbepackten) Jacob zu verstehen, dass sie seine Gefühle nicht erwidern kann, ihn aber unbedingt weiterhin als Freund braucht, um über Edward hinwegzukommen. In einfältigen Szenen sucht Bella dann den Adrenalinstoss, damit ihr Edward als Halluzination erscheint, um sie zu ermahnen. Wen ihre Aktionen verletzen, das ist ihr egal: Narzissmus pur. Ob man das Melissa Rosenbergs Drehbuchadaption oder Stephenie Meyers Roman zur Last legen muss, werden diejenigen besser beantworten können, die mit der Vorlage vertraut sind.
Puritanische Parabel
Die konservative Moral der Geschichte dagegen lässt sich eindeutig auf Stephenie Meyer zurückführen. Die Storys der gläubigen Mormonin lassen sich auch als Parabel für sexuelle Abstinenz lesen. Der Vampirbiss (Penetration) und der Akt des Blutsaugens (Austausch von Körperflüssigkeiten) ist zwar nicht erst seit “Twilight” eine Metapher für den Geschlechtsverkehr, doch Meyer treibt dieses Bild in “New Moon” an ihren ganz rechten Rand: Während im ersten Film das Küssen zwischen Edward und Bella gefährlich war, weil es den Vampir zum Biss verführen könnte, pocht Bella in Teil 2 inzwischen darauf, dass Edward sie per Biss in einen Vampir umwandelt (d.h. ihr ihre Jungfräulichkeit nimmt). Edward, der romantische Archetyp des gothischen Romans, sträubt sich lange dagegen, willigt aber ganz am Schluss doch noch ein – aber nur unter dem Vorbehalt, dass Bella ihn zuerst heiratet. Dass eine solch mittelalterliche, puritanische Ideologie in der aufgeklärten westlichen Welt junge (und nicht so junge) Frauen scharenweise in ihren Bann zieht, ist sehr erstaunlich.

Infos:
“The Twilight Saga: New Moon”, USA/Kanada 2009, 130 Min., R: Chris Weitz, D: Kristen Stewart, Robert Pattinson, Taylor Lautner, Ashley Greene, Billie Burke, Rachel Lefevre, Peter Facinelli, Anna Kendrick, Michael Sheen, Dakota Fanning.
Im Kino ab: 25.11.2009