Rezension: “Sherlock Holmes” von Guy Ritchie
Neu im Kino, Rezensionen | 29. Januar 2010 von Lory Roebuck
Guy Ritchie verwandelt Arthur Conan Doyles Meisterdetektiv in einen Actionheld des 21. Jahrhunderts, doch die typische Geistesschärfe von Sherlock Holmes steht seiner neuen Kampfkraft in nichts nach. Der Film weiss dank seiner tollen Besetzung zu unterhalten.
Privatdetektiv Sherlock Holmes (Robert Downey Jr.) und sein treuer Assistent Watson (Jude Law) treffen am Schauplatz gerade noch rechtzeitig ein, um den Mord an einer jungen Frau zu vereiteln und den okkulten Verbrecher Lord Blackwood (Mark Strong) in Gewahrsam zu nehmen. Blackwood wird zum Tode verurteilt und erhängt, aber nicht bevor er Holmes klarmacht, dass noch weitere, grössere Übel lauern. Tatsächlich heisst es wenige Tage später, Blackwood wandle wieder unter den Lebenden. Holmes, kurz vor dem Wegzug aus der Baker Street, und Watson, kurz vor der Heirat mit der charmanten Mary (Kelly Reilly), rollen den Fall nochmals auf. Zu ihnen gesellt sich die Diebin Irene Adler (Rachel McAdams), die aber ganz andere Motive verfolgt.
Meisterdedektiv und Actionheld
1887 erschuf der schottische Arzt und Autor Sir Arthur Conan Doyle den literarischen Meisterdetektiv schlechthin: Die Figur des Sherlock Holmes läutete mit ihrer analytischen Arbeitsmethode das Zeitalter der modernen Krimis ein. Im Guiness Buch der Rekorde wird Holmes als die am häufigsten dargestellte Filmfigur überhaupt aufgeführt, mehr als siebzig Schauspieler waren in über 200 Filmen bereits in dieser Rolle zu sehen gewesen. Der Brite Guy Ritchie bringt den Meister der Deduktion nun in einer teuren Hollywoodproduktion ein weiteres Mal auf die Kinoleinwand: brutal, dreckig, in desaturierten Bildern, mit einem skurillen Faible für Hunde – eben typisch Ritchie. Er bleibt der ursprünglichen Zeitperiode zwar treu, aber das ist definitiv not your grandfather’s Sherlock Holmes. Robert Downey Jr. ist der ideale Schauspieler, um diesem Sherlock eine köstlich exzentrische Note zu verpassen. Zusätzlich ist dieser neue Holmes aber auch ein Actionheld des 21. Jahrunderts, was der “Iron Man”-Darsteller aber natürlich genauso in seinem Repertoire hat.
Jeder Schlag und Tritt, ja der gesamte Bewegungsablauf wird von Holmes zuerst minutiös einstudiert – und von Ritchie in Slowmotion gezeigt – bevor Theorie in Praxis umgesetzt und der erste Gegner eine Minute nach Filmbeginn neutralisiert wird. Es ist dies ein rasanter Einstieg in medias res, ohne jegliche Exposition wird der Zuschauer direkt ins pulsierende Geschehen hinein geworfen. Unmittelbar wird klar: Dieser Film will keine Zeit damit vergeuden, Figuren einzuführen, die in unserer Populärkultur ohnehin schon so stark verankert sind. Aber ganz grundsätzlich nimmt das Drehbuch zu diesem Film auf dem Rücksitz Platz (wenn auch noch nicht ganz im Kofferraum), weder inhaltlich noch formal ist “Sherlock Holmes” ein besonders ausgeklügelter Krimi oder ein atemberaubender Actionfilm. Am Script mitgewirkt haben gleich fünf verschiedene Autoren, worauf sich wohl einige Ungereimtheiten im Film und sein holpriger Szenenablauf zurückverfolgen lassen. Trotzdem findet der Streifen eine gute Balance zwischen Spannung, Action und Humor.
Selbstironische Unterhaltung
Denn “Sherlock Holmes” will vor allem eins: unterhalten. Und das gelingt dem Film ziemlich gut. Ganz genüsslich zum Beispiel, wie sich Holmes und sein Assistent Watson andauernd wie ein altes Ehepaar in den Haaren liegen. “You have the grand gift of silence which makes you quite invaluable as a companion” sagt Holmes einmal, worauf ihm Watson einen Hieb ins Gesicht verpasst – und frech in seinen Schnäuzer grinst. “They’ve been flirting like this for hours” stellt Irene Adler fest – eine Trickdiebin, in die sich Holmes verguckt, weil sie ihn als Einzige immer wieder überlistet. Keck dargestellt wird diese Dritte im Bunde von der Amerikanerin Rachel McAdams. Egal, ob die Wortgefechte gerade zwischen Watson und Holmes oder Holmes und Adler stattfinden: Die Dynamik innerhalb der Besetzung stimmt durch den ganzen Film hindurch. “Sherlock Holmes” macht Spass, weil er sich nicht allzu ernst nimmt und mit einer gesunden Portion Selbstironie aufwartet.
Da fällt es auch weniger ins Gewicht, dass der Plot nur skizzenhaft vorhanden ist, die Figuren kaum über Stereotypen hinausgehen und bis zum Schluss des Films nicht den Hauch eines Wandels durchgegangen sind – und das selbst das grosse Filmende eher flau daherkommt. Für mehr Tiefe und gross angelegte Konflikte bleibt schliesslich noch genug Platz im Sequel, das in diesem Film schon sehr offensichtlich in die Wege geleitet wird und ein Rencontre mit Holmes’ Erzfeind verspricht: Moriarty. Angesichts des finanziellen Erfolgs von “Sherlock Holmes” möchte das Studio die Fortsetzung so bald wie möglich abdrehen, in ein paar Monaten soll es schon weitergehen. Bis dahin bietet Teil 1 grundsolide Unterhaltung vor dem Hintergrund einer atmosphärisch und visuell überzeugenden (mit Ausnahme einiger weniger gelungenen Computereffekte) Realisierung des viktorianischen Londons Ende des 19. Jahrunderts, das eine beschauliche Kulisse abgibt.
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Infos:
“Sherlock Holmes”, USA 2009, 128 Min., R: Guy Ritchie, D: Robert Downey Jr., Jude Law, Rachel McAdams, Mark Strong, Eddie Marsan, Robert Maillet, Geraldine James, Kelly Reilly, William Houston, Hans Matheson, V: Warner Bros. (Transatlantic) Inc.
Im Kino ab: 28.01.2010





















= Meisterwerk








