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    Rezension: “Sherlock Holmes” von Guy Ritchie

    Neu im Kino, Rezensionen | 29. Januar 2010 von Lory Roebuck

    Guy Ritchie verwandelt Arthur Conan Doyles Meisterdetektiv in einen Actionheld des 21. Jahrhunderts, doch die typische Geistesschärfe von Sherlock Holmes steht seiner neuen Kampfkraft in nichts nach. Der Film weiss dank seiner tollen Besetzung zu unterhalten.

    Privatdetektiv Sherlock Holmes (Robert Downey Jr.) und sein treuer Assistent Watson (Jude Law) treffen am Schauplatz gerade noch rechtzeitig ein, um den Mord an einer jungen Frau zu vereiteln und den okkulten Verbrecher Lord Blackwood (Mark Strong) in Gewahrsam zu nehmen. Blackwood wird zum Tode verurteilt und erhängt, aber nicht bevor er Holmes klarmacht, dass noch weitere, grössere Übel lauern. Tatsächlich heisst es wenige Tage später, Blackwood wandle wieder unter den Lebenden. Holmes, kurz vor dem Wegzug aus der Baker Street, und Watson, kurz vor der Heirat mit der charmanten Mary (Kelly Reilly), rollen den Fall nochmals auf. Zu ihnen gesellt sich die Diebin Irene Adler (Rachel McAdams), die aber ganz andere Motive verfolgt.

    Meisterdedektiv und Actionheld
    1887 erschuf der schottische Arzt und Autor Sir Arthur Conan Doyle den literarischen Meisterdetektiv schlechthin: Die Figur des Sherlock Holmes läutete mit ihrer analytischen Arbeitsmethode das Zeitalter der modernen Krimis ein. Im Guiness Buch der Rekorde wird Holmes als die am häufigsten dargestellte Filmfigur überhaupt aufgeführt, mehr als siebzig Schauspieler waren in über 200 Filmen bereits in dieser Rolle zu sehen gewesen. Der Brite Guy Ritchie bringt den Meister der Deduktion nun in einer teuren Hollywoodproduktion ein weiteres Mal auf die Kinoleinwand: brutal, dreckig, in desaturierten Bildern, mit einem skurillen Faible für Hunde – eben typisch Ritchie. Er bleibt der ursprünglichen Zeitperiode zwar treu, aber das ist definitiv not your grandfather’s Sherlock Holmes. Robert Downey Jr. ist der ideale Schauspieler, um diesem Sherlock eine köstlich exzentrische Note zu verpassen. Zusätzlich ist dieser neue Holmes aber auch ein Actionheld des 21. Jahrunderts, was der “Iron Man”-Darsteller aber natürlich genauso in seinem Repertoire hat.

    Jeder Schlag und Tritt, ja der gesamte Bewegungsablauf wird von Holmes zuerst minutiös einstudiert – und von Ritchie in Slowmotion gezeigt – bevor Theorie in Praxis umgesetzt und der erste Gegner eine Minute nach Filmbeginn neutralisiert wird. Es ist dies ein rasanter Einstieg in medias res, ohne jegliche Exposition wird der Zuschauer direkt ins pulsierende Geschehen hinein geworfen. Unmittelbar wird klar: Dieser Film will keine Zeit damit vergeuden, Figuren einzuführen, die in unserer Populärkultur ohnehin schon so stark verankert sind. Aber ganz grundsätzlich nimmt das Drehbuch zu diesem Film auf dem Rücksitz Platz (wenn auch noch nicht ganz im Kofferraum), weder inhaltlich noch formal ist “Sherlock Holmes” ein besonders ausgeklügelter Krimi oder ein atemberaubender Actionfilm. Am Script mitgewirkt haben gleich fünf verschiedene Autoren, worauf sich wohl einige Ungereimtheiten im Film und sein holpriger Szenenablauf zurückverfolgen lassen. Trotzdem findet der Streifen eine gute Balance zwischen Spannung, Action und Humor.

    Selbstironische Unterhaltung
    Denn “Sherlock Holmes” will vor allem eins: unterhalten. Und das gelingt dem Film ziemlich gut. Ganz genüsslich zum Beispiel, wie sich Holmes und sein Assistent Watson andauernd wie ein altes Ehepaar in den Haaren liegen. “You have the grand gift of silence which makes you quite invaluable as a companion” sagt Holmes einmal, worauf ihm Watson einen Hieb ins Gesicht verpasst – und frech in seinen Schnäuzer grinst. “They’ve been flirting like this for hours” stellt Irene Adler fest – eine Trickdiebin, in die sich Holmes verguckt, weil sie ihn als Einzige immer wieder überlistet. Keck dargestellt wird diese Dritte im Bunde von der Amerikanerin Rachel McAdams. Egal, ob die Wortgefechte gerade zwischen Watson und Holmes oder Holmes und Adler stattfinden: Die Dynamik innerhalb der Besetzung stimmt durch den ganzen Film hindurch. “Sherlock Holmes” macht Spass, weil er sich nicht allzu ernst nimmt und mit einer gesunden Portion Selbstironie aufwartet.

    Da fällt es auch weniger ins Gewicht, dass der Plot nur skizzenhaft vorhanden ist, die Figuren kaum über Stereotypen hinausgehen und bis zum Schluss des Films nicht den Hauch eines Wandels durchgegangen sind – und das selbst das grosse Filmende eher flau daherkommt. Für mehr Tiefe und gross angelegte Konflikte bleibt schliesslich noch genug Platz im Sequel, das in diesem Film schon sehr offensichtlich in die Wege geleitet wird und ein Rencontre mit Holmes’ Erzfeind verspricht: Moriarty. Angesichts des finanziellen Erfolgs von “Sherlock Holmes” möchte das Studio die Fortsetzung so bald wie möglich abdrehen, in ein paar Monaten soll es schon weitergehen. Bis dahin bietet Teil 1 grundsolide Unterhaltung vor dem Hintergrund einer atmosphärisch und visuell überzeugenden (mit Ausnahme einiger weniger gelungenen Computereffekte) Realisierung des viktorianischen Londons Ende des 19. Jahrunderts, das eine beschauliche Kulisse abgibt.

    Infos:
    “Sherlock Holmes”, USA 2009, 128 Min., R: Guy Ritchie, D: Robert Downey Jr., Jude Law, Rachel McAdams, Mark Strong, Eddie Marsan, Robert Maillet, Geraldine James, Kelly Reilly, William Houston, Hans Matheson, V: Warner Bros. (Transatlantic) Inc.

    Im Kino ab: 28.01.2010


    “Avatar” in 4D: Ein kurzer Erlebnisbericht

    Aktuelle Themen, Sonstiges | 29. Januar 2010 von Lory Roebuck

    Szenenbild aus James Camerons "Avatar"

    Im Basler Pathé Küchlin bin ich gestern Abend zusammen mit Freunden in die einzigartige Filmwelt von James Camerons “Avatar” eingetaucht – bereits zum vierten Mal, aber es wurde ein ganz neues Erlebnis daraus. Während alle Welt gerade die Vorzüge des 3D-Kinos kennenlernt, machten wir schon mit der vierten Dimension Bekanntschaft.

    Etwa zwei Drittel der Filmvorstellung waren durch, als Colonel Quaritch mit seiner Streitmacht das Feuer auf die Na’vi eröffnet und “Avatar” seinen emotionalen und explosionsartigen Höhepunkt erreicht. Die Eingeborenen werden von ihrer Stätte vertrieben, ihr riesiger Heimatbaum wird in die Luft gejagt, links und rechts fliegen die Fetzen.

    Die Szene ist so gewaltig, dass abseits der Leinwand selbst der Kinosaal in Mitleidenschaft gezogen wird. Das Bild wird plötzlich schwarz, die Lichter gehen abrupt an – per Lautsprecher ist eine Durchsage zu hören: Ein ernstes technisches Problem liegt vor, alle Zuschauer sollen den Saal unverzüglich über den Notausgang verlassen.

    Die Meldung wird zwar ruhig und sachlich verlautbart, weil es aber zum Schluss noch heisst, man soll auf keinen Fall den Lift benutzen, sind aus der gemächlich herausströmenden Menschenmenge bald einmal Sätze wie “Do brennts dängg neume” zu hören, die wohl nur halbironisch gemeint sind.

    Wie ernst ist die Lage? Die Meisten gehen hinten zum Gebäude raus und schnurstracks vorne wieder rein, um nachzufragen, was denn los sei. Die Angestellten sind aber genauso ratlos. Eine Logenbedienerin meint, sie sei in den Hauptsaal rein und plötzlich waren alle ihre Gäste weg gewesen. Die anderen sieben Säle sind nicht betroffen.

    Kriegen wir ein neues Ticket? Geht der Film doch noch weiter? In Ermangelung an Auskunft begeben sich die ersten Besucher wieder an ihre Plätze. Zwei Telefongespräche mit dem Kinomanager später ist die Sache geklärt: Fehlalarm! Alle Zuschauer können wieder unbesorgt in den Saal hinein, die Vorführung geht gleich weiter.

    Um zehn Minuten zurückgespult reisst “Avatar” wieder alle in seinen Bann. Hat das Intermezzo dem Erlebnis einen Abbruch getan? Keinesfalls. Von Bekannten zum Besuch dieses bahnbrechenden Films mit den Bildern von morgen angespornt, können die Gäste dieser Vorstellung nun behaupten, sie hätten sogar schon das 4D-Kino von übermorgen erlebt!


    Die Nominierungen für den Schweizer Filmpreis 2010

    Filmauszeichnungen, Schweizer Film | 28. Januar 2010 von Lory Roebuck

    Der Film "Giulias Verschwinden" mit Bruno Ganz (r.) ist in fünf Kategorien für den Schweizer Filmpreis Quartz 2010 nominiert

    Im Rahmen einer geschlossenen Veranstaltung gab gestern das Bundesamt für Kultur (BAK) nach einer Eröffnungsrede vom neuen Bundesrat und Kulturminister Didier Burkhalter an den Solothurner Filmtagen die Nominierungen für den Schweizer Filmpreis Quartz 2010 bekannt.

    Für die Nominierten steht ein Preisgeld von insgesamt 375′000.- Franken zur Verfügung, sie wurden in den acht Kategorien (Spielfilm, Dokumentarfilm, Kurzfilm, Darsteller, Nachwuchstalent, Drehbuch und Filmmusik) auf Empfehlung der von Fredi M. Murer präsidierten Schweizer Filmakademie gewählt.

    Gleich für fünf Preise wurde Christoph Schaubs Erfolgsfilm “Giulias Verschwinden” vorgeschlagen, nämlich für den besten Darsteller (Bruno Ganz), die beste Darstellerin (Sunnyi Melles), die beste Filmmusik (Balz Bachmann), das beste Theaterst…, äh, Drehbuch (Martin Sutter) und natürlich für den besten Spielfilm.

    Ebenfalls als bester Spielfilm nominiert sind Séverine Cornamusazs weitaus besserer Film “Cœur animal”, Bettina Oberlis “Tannöd”, Frédéric Mermouds “Complices” – und überraschenderweise auch die gründlich misslungene Science-Fiction Produktion “Cargo” von Ivan Engler und Ralph Etter.

    Das Stirnrunzeln geht gleich weiter: Melanie Winiger ist als Beste Darstellerin nominiert. Wenn ihre Darbietung in “Sinestesia” zu den drei besten weiblichen Schauspielleistungen des Jahres in einer Schweizer Produktion gehört, ist das wirklich ein Armutszeugnis für das Filmland Schweiz.

    Vergeblich sucht man auch nach einer Berücksichtigung von “Cœur animal”-Hauptdarsteller Olivier Rabourdin; an seiner Stelle wurde immerhin Antonio Buil (der in Cornamusazs Film den Spanischen Gastarbeiter spielt) für den Darstellerpreis nominiert – neben Bruno Ganz und Roeland Wiesnekker (“Der Fürsorger”).

    Nun sind aber auch Marie Leuenberger,  Jennifer Mulinde-Schmid (beide für “Die Standesbeamtin”) und eben Sunnyi Melles (“Giulias Verschwinden”) für Darstellerpreise nominiert – und so fällt langsam auf, dass der Schweizer Filmpreis dieses Jahr wohl eine reine PR-Übung ist. Stars statt Talent.

    Weitaus spannender und gerechter sehen die Nominierungen für den besten Dokumentarfilm aus, der hierzulande sowieso einen grösseren Stellenwert besitzt als der Schweizer Spielfilm: “Die Frau mit den 5 Elefanten”, “Rocksteady”, “Sounds and Silence”, “Space Tourists” und “The Sound of Insects” konkurrieren um diese Auszeichnung.

    Die Preisverleihung findet am 6. März im Rahmen einer Galaveranstaltung im Kultur- und Kongresszentrum KKL Luzern statt. Moderiert wird das Event von Monika Schärer (SF Box Office), während das Schweizer Fernsehen wie letztes Jahr wieder eine “lange Nacht des Schweizer Films” programmiert.

    Die vollständige Liste der Nominierungen folgt nach dem Sprung:

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    Rezension: “Troubled Water” von Erik Poppe

    Neu im Kino, Rezensionen | 28. Januar 2010 von Andreas Weber

    Rezension: "Troubled Water" von Erik Poppe

    Das drastische Norwegische Drama befasst sich etwas unscharf mit dem ewigen Thema von Schuld und Sühne, während sich das ungewöhnliche Narrativ auf der Grenze zwischen Kunstvollem und Gekünsteltem bewegt.

    Nach acht Jahren im Knast kommt Jan endlich auf freien Fuss und findet eine Stelle als stellvertretender Organist in einer Kirche. Zwischen ihm und der alleinerziehenden Pfarrerin wird bald eine erotische Spannung spürbar und Jan entwickelt auch ein besonderes Verhältnis zu ihrem Sohn Jens. Dabei verheimlicht er seine Identität, denn ins Gefängnis brachte ihn, dass er für den Tod eines Kindes verantwortlich war. Als Jugendlicher entführte er einen unbeaufsichtigten Kinderwagen, doch aus dem herben Scherz wurde plötzlich blutiger Ernst. Der tragische Vorfall endete an einem Fluss damit, dass ein kleiner toter Körper die Stromschnellen hinuntertrieb, um nie mehr gefunden zu werden.

    Schuld und Sühne?
    “Troubled Water” macht es unmissverständlich: Mit Jan wird kein böser Mensch in die Gesellschaft entlassen. Es gibt auch einen nicht ganz subtilen Hinweis darauf, dass er wohl schon als Jugendlicher bloss ein wenig Beachtung und Liebe wollte, da trug er nämlich einen Pullover mit der Aufschrift “hold me”. Klar wird aber auch, dass Jan Schuld auf sich geladen hat. Der Norwegische Regisseur Erik Poppe versucht in seinem Film dieses zentrale Motiv aus den verschiedensten Perspektiven abzuhandeln, bei dem kirchlichen Umfeld Jans natürlich auch aus der religiösen. Und doch bleiben die Antworten auf die Schuldfrage sowie Konzepte von Rache oder Versöhnung ziemlich schwammig. Man könnte meinen, dem Film ist diese Kernthematik seiner Handlung gar nicht so wichtig wie seine dramaturgische Gesamtkonstruktion.

    Diese ist tatsächlich beachtlich, wenn auch schwerlich ein absolutes Novum. Die Jetztzeit, in der wir Jan begleiten, wie er seinem Beruf als Organist nachgeht und versucht im Alltag wieder Fuss zu fassen, wird immer wieder von Flashbacks an jenen schicksalsmächtigen Vorfall mit dem Kinderwagen durchbrochen. Diese tragische Sequenz offenbart sich so dem Zuschauer nur stückchenweise – und erst am Ende weiss man ganz genau, zu welchem Grad Jan für den Tod des Kindes verantwortlich ist. Interessant ist ausserdem, wie in der Mitte des Films plötzlich der Fokus auf die Mutter jenes Kindes springt. Diese zweite Hälfte rekapituliert aus ihrer Perspektive nochmal die Zeit seit Jans Entlassung aus der Haft, um am Ende beide Handlungsstränge zusammenzuführen. Spätestens hier wirkt die Konstruktion dann aber zu gewollt und artifiziell. Billige dramatische Kunstgriffe kommen zum Einsatz, während eine befriedigende Auflösung auf psychologischer, moralischer und erst recht theologischer Ebene ausbleibt.

    Selbsterfüllende Prophezeihung
    Das Problem an dieser übergestülpten Struktur ist auch, dass sie sich wie eine selbsterfüllende Prophezeihung vor den Augen des Publikums auszubreiten scheint. Die erste Filmhälfte wird von der schrecklichen Vorahnung überschattet, dass auch dem Sohn der Pfarrerin etwas zustossen wird, diesmal ohne Verschulden Jans. Ob dies tatsächlich eintrifft, soll hier natürlich nicht verraten werden. Das ständige, unverhältnismässige Bangen bringt die übrige Entwicklung des Films aber beinahe zum Erstarren. Auch der zweite Teil hat seine inhärenten Probleme: Die Einführung in den Charakter der trauernden Mutter erreicht nicht die nötige Tiefe, so dass ihr Verhalten gegenüber Jan in seiner Irrationalität bloss hysterisch wirkt. Versuche, tiefer in ihre Psyche blicken zu lassen, wirken teils geradezu platt. Etwa wenn sie im Hallenbad untertaucht und vor ihrem inneren Auge den Grund des Flusses sieht – und diesen nach ihrem verstorbenen Sohn absucht.

    Diesen Mängeln weiss “Troubled Water” zum Glück einige Glanzmomente entgegenzusetzen. Nebst der kompetenten Inszenierung und den starken Leistungen sämtlicher Darsteller ragen vor allem jene Szenen heraus, in denen Jan an der Orgel spielt. In dieser teils improvisierten, sehr dynamischen und überaus schönen Musik werden seine Emotionen auf ganz intuitive Weise erfahrbar. Fairerweise muss man sagen, dass “Troubled Water” keine leichte Geschichte erzählt und dabei immerhin teilweise eine ziemlich intensive Wirkung zu entfalten vermag. Insgesamt fischt der Film aber in eher trübem Gewässer, ohne etwas wirklich Besonderes zutage zu fördern.

    Infos:
    “Troubled Water”, Norwegen/Schweden/Deutschland, 2008, 115 Min., R: Erik Poppe, D: Pål Sverre Valheim Hagen, Trine Dyrholm, Ellen Dorrit Petersen, Fredrik Grøndahl, Trond Espen Seim, Angelou Garcia, Henriette Garcia, Terje Strømdahl.

    Im Kino ab: 28.01.2010


    SFT ‘10: “Cœur animal” von Séverine Cornamusaz

    Filmfestivals, Rezensionen | 27. Januar 2010 von Lory Roebuck

    SFT '10: "Coeur Animal" von Séverine Cornamusaz

    Séverine Cornamusaz liefert mit ihrem Spielfilmdebüt das eindrücklichste Werk an den Solothurner Filmtagen ab. Ihr psychologisches Berglerdrama stellt wieder einmal unter Beweis, wie weit die Romandie in Sachen Filmschaffen der Deutschschweiz voraus ist.

    Der wortkarge Paul (Olivier Rabourdin) lebt mit seiner Frau Rosine (Camille Japy) alleine und abgeschiedenen in einem Bauernhof in den Westschweizer Bergen. “Ho!” ruft er jeweils aus, wenn er etwas von seiner Gattin will, die er nicht viel anders behandelt, als seine übrigen Tiere – allenfalls mit noch weniger Rücksicht. Der starre Alltag der Beiden gerät erstmals ins Wanken, als Paul den spanischen Gastarbeiter Eusebio (Antonio Buil) anheuert und sich Rosines Schwangerschaft als folgenschwere Krankheit herausstellt. Nach und nach merkt Paul, wie sehr ihm seine Frau am Herzen liegt, was er aber nicht zu artikulieren weiss – wodurch er Rosine noch weiter von sich wegstösst.

    Zwei Reisen
    Auf zwei Reisen würde “Cœur animal” den Zuschauer mitnehmen, meinte Regisseurin und Ko-Autorin Séverine Cornamusaz im Vorlauf zur Projektion ihres Spielfilmdebüts an den Solothurner Filmtagen: Einerseits in die einzigartige Schweizer Bergwelt, die ihr Kameramann Carlo Varini mit lyrischer Pracht eingefangen hat, andererseits in den Kopf eines einzigartigen Bauern, für dessen Darstellung – oder besser: Verkörperung – Olivier Rabourdin mit einem Preis ausgezeichnet gehört. Genau wie Cornamusazs Werk selbst, das sich in Solothurn zurecht als Festivalhöhepunkt und Kritikerliebling etabliert hat. Denn “Cœur animal” weist alle Elemente auf, deren Fehlen sonst den Notstand der Schweizer Filmlandschaft aufzeigt: ein dichtes Script, eine mutige Auseinandersetzung mit dem Filmstoff und eine klare, kunstvolle Handschrift der Regisseurin. Bezeichnend für das nationale Filmschaffen ist es, dass ein solches Werk nur in der Westschweiz entstehen konnte.

    Psychologisches Kammerspiel
    Ganz leise aber unheimlich kraftvoll wird im abgelegenen Berghof ein psychologisches Kammerspiel vorgetragen. Paul, der Bergbauer mit dem tierischen Herz, redet kaum ein Wort mit seiner Gattin, weder beim Arbeiten im Stall noch beim gemeinsamen Abendbrot. In regelmässigen Abständen fällt er über sie her, nimmt sie nach animalischer Art von hinten. Denn Rosine ist in seiner limitierten Perspektive bloss ein weiteres Nutztier. Wie sie dieses Arschloch heiraten konnte, erfährt man nicht. Die brutale, starre Grundkonstellation beginnt Cornamusaz mit der Hinzugabe zweier Elemente langsam aufzuweichen. Zunächst interpretiert Paul Rosines Bauchschmerzen als Schwangerschaft. Weil er in ihr plötzlich eine Mutterfunktion erkennt, lässt er sie bei Tagesanbruch mal ausschlafen und greift auch ins Erbe. Daneben heuert er einen Arbeiter an, der als Ausländer erst recht ein Fremdkörper ist.

    Existenzielles Drama
    Pauls widerwilliger Wandel vollzieht sich im Filmverlauf minutiös, auf den Punkt genau charakterisiert. Der Spanier Eusebio ist das pure Gegenteil vom Bergbauer: faul, höflich, leidenschaftlich. Paul wehrt sich zunächst vehement, kommt diesem fremden Menschenmodell aber doch noch näher, weil Berührungspunkte da sind, nämlich die Differenzen zu und mit den Frauen. Neue Einsichten hat Paul bitter nötig: Rosine wird schwer krank und das existenzielle Drama nimmt seinen Lauf. Die Spannung in diesem sperrigen Film liegt in der Frage, ob es dieser stumpfe Mann noch rechtzeitig schafft, Mensch zu werden, ob er es angesichts seiner Sprachlosigkeit überhaupt verdient. Geredet wird wenig, geschehen tut dafür umso mehr in diesem radikalen Film, der sich mit Fredi M. Murers “Höhenfeuer” (1985) vergleichen lässt. Frenetic Films bringt “Cœur animal” am 3. Juni 2010 ins normale Programm der Deutschschweizer Kinos.

    Infos:
    “Cœur animal”, CH 2010,90 Min., R: Séverine Cornamusaz, D: Olivier Rabourdin, Camille Japy, Antonio Buil, Alexandra Karamisaris. V: Frenetic Films.

    Im Kino ab: 03.06.2010


    “Harry Potter 7″ und “Clash of the Titans” werden für den Kinostart in 3D-Filme umgewandelt

    Ausblicke | 27. Januar 2010 von Lory Roebuck

    "Clash of the Titans" 3D

    “Avatar” strahlt hell in die dreidimensionale Kinozukunft, doch der massive Erfolg von James Camerons Werk hat auch seine Schattenseiten. Studios machen in 3D-Filmen ein neues Eventkino mit höheren Eintrittspreisen aus, also bereichern sie in der Nachproduktion kurzerhand bereits abgedrehte Filme um die dritte Bilddimension.

    Zwei Grossveröffentlichungen, die derart gepimpt werden sollen, sind “Clash of the Titans” (Legendary Pictures) und “Harry Potter and the Deathly Hallows” (Warner Bros.), wie The Hollywood Reporter berichtet. Die beiden Studios haben das zwar noch nicht bestätigt, Meldungen von dieser Quelle liegen aber nur selten daneben.

    Bei “Clash of the Titans” hat sich Legendary wirklich kurzfristig (und entgegen den Erwartungen von Regisseur Louis Leterrier) zum “Updgrade” entschlossen. Das Remake des Kultfilms von 1981 sollte in den USA bereits Ende März anlaufen, der Kinostart musste nun wegen der zusätzlichen Arbeit auf den 2. April verschoben werden.

    Derweil kommt das finale Abenteuer von Harry Potter Ende Jahr und im Sommer 2011 als Zweiteiler ins Kino und soll in beiden Fällen als 3D-Film zu erleben sein. Doch auch die Filmszenen von “Harry Potter and the Deathly Hallows” sind bereits mehrheitlich abgedreht und werden erst hinterher in 3D umgewandelt.

    Das sind aber unsinnige, rein kommerziell ausgerichtette Entscheidungen der Studios. “Avatar” und selbst “Ice Age 3″ funktionieren als 3D-Filme so gut, weil sie von Anfang an als solche angedacht wurden – d.h. den Bildkompositionen wurden die zusätzlichen Möglichkeiten in der Tiefe schon beim Drehen Rechnung getragen.

    Der 3D-Effekt in “Clash of the Titans” und “Harry Potter and the Deathly Hallows” wird darum nicht Teil des künstlerischen Ausdrucks der Regisseure und ihrer Filmcrews sein, sondern reiner Schnickschnack – ein Gimmick der Studios, um die Erfolgswelle von “Avatar” weiterzureiten und Mehreinnahmen zu generieren.


    SFT ‘10: “Sinestesia” von Erik Bernasconi

    Filmfestivals, Rezensionen | 27. Januar 2010 von Lory Roebuck

    SFT '10: "Sinestesia" von Erik Bernasconi

    Der Tessiner Erik Bernasconi erzählt in seinem Spielfilmdebüt von vier miteinander verknüpften Schicksalen. Dass er zwischen seinen einzelnen Kapiteln das Genre wechselt, ist ein schönes Experiment, wirkt gesamthaft betrachtet aber etwas unausgegoren.

    Alan (Alessio Boni) ist zwar mit Françoise (Giorgia Wurth) verheiratet, geht aber lieber mit Michela (Melanie Winiger) auf Spritztour. Auf einem gemeinsamen Motorradtrip verunglücken die beiden Liebhaber in den Tessiner Bergen. Michela zieht sich nur mittelschwere Verletzungen zu, doch Alan ist fortan hüftabwärts gelähmt. Françoise nimmt den Unfall als Anlass, ihren Mann intensiv zu pflegen – und von seiner Geliebten fernzuhalten. Bei Laune gehalten wird der Paraplegiker aber eher von seinem besten Freund Igor (Leonardo Nigro); dieser beginnt einige Jahre später dann mit Michela anzubändeln.

    Sinnvermengung
    “Sinestesia” bzw. Synäsethesie bezeichnet das Phänomen, getrennte Sinnbereiche gekoppelt wahrzunehmen – z.B. Gehöreindrücke zu sehen, oder, wie im Fall von Michela, Geräusche und Gerüche mit Farben in Verbindung zu bringen. Leider ist das Spielfilmdebüt des Tessiners Erik Bernasconi weder sinnlich, noch findet es formal eine Entsprechung zu seinem Filmtitel. Michela ist Synästhetikerin (wie nicht wenige Menschen heutzutage), aber damit haben sich die Bezüge schon erschöpft. Die jeweiligen Episoden des Films vermitteln zwar unterschiedliche Eindrücke, der Wechsel zwischen den verschiedenen Genres findet aber seriell – d.h. eben nicht parallel – statt. Dieser Umstand bezeugt, dass Bernasconis filmisches Experiment doch eben nur eine Spielerei ist.

    Genresprünge
    Das ist also nicht ganz durchdacht, streckenweise aber trotzdem spannend mitanzuschauen. Bernasconi zergliedert “Sinestesia” in vier Kapitel (plus Prolog und Epilog), die die Geschichten der vier Protagonisten auf zwei unterschiedlichen Zeitebenen erzählen. Françoises Kapitel ist ein Thriller mit Horrorelementen, Igors eine romantische Komödie, Michelas ein Drama und Alans schliesslich eine Tragödie. Die Bandbreite an Emotionen, die vor diesem breiten Hintergrund gemalt werden kann, wird höchstens durch Melanie Winigers limitiertes Schauspiel behindert. Dass Michela nach dem Unfall in Barcelona einen Neuanfang wagt und Psychologie studiert, kauft man Winiger ebensowenig ab wie das verzweifelte Bestreben ihrer Filmfigur, in Alans Spitalzimmer zu gelangen.

    Konzeptregime
    Umso überzeugender sind die anderen Darsteller: Alessio Boni als gebrochener Mann, der sich über seinen Willen zum Vatersein im Unklaren ist, Leonardo Nigro als von Grund auf sympatischer Buddy, Giorgia Wurth als Ehefrau mit ausgestreckten Krallen. Schade nur, dass die Situationen, in die Bernasconi ihre Figuren steckt, immer wieder allzu offensichtlich konstruiert wirken – als müssten sie um jeden Preis dem darüberliegenden Konzept der Genrewechsel unterjocht werden. So treibt die Romanze zwischen Igor und Michela die Handlung nicht wirklich voran, und so verkommt der Mann mit dem Leberfleck im Gesicht, der den Hintergrund aller Episoden durchzieht, zur leeren Chiffre für ein unantastbares Böse. “Sinestesia” ist zwar ansprechend in Szene gesetzt, fällt konzeptuell aber weitgehend auseinander.

    Infos:
    “Sinestesia”, CH 2010, R: Erik Bernasconi, D: Alessio Boni, Leonardo Nigro, Melanie Winiger, Giorgia Wurth, Eva Allenbach, Federico Caprara, Teco Celio, Bindu De Stoppani, Roberta Fossile, Igor Horvat.


    “Avatar” versenkt den Rekord der “Titanic”

    Zuschauerzahlen | 27. Januar 2010 von Lory Roebuck

    "Avatar" hat das Rekordergebnis der "Titanic" versenkt

    Es ist vollbracht: Gerade mal sechs Wochen hat James Cameron mit seinem neuen Film “Avatar” gebraucht, um das Rekordeinspielergebnis von 1,843 Milliarden Dollar von seinem alten Film “Titanic” zu überbieten. Das Science-Fiction Spektakel steht nun am weltweiten Box Office bei 1,858 Milliarden Dollar und wird als erster Film überhaupt wohl auch die Marke von zwei Milliarden erreichen.

    Klar, alle Meldungen über diesen neuen Spitzenwert gehen mit dem Vorbehalt einher, dass es “Avatar” auf einer “inflationsbereinigten” Liste noch nicht einmal unter die Top 20 geschafft hat. Zudem kostet der Eintritt zu 3D-Filmen grundsätzlich mehr. Das tut der Faszination über diese nackten Zahlen (ausser bei Sennhauser) aber keinen Abbruch. Jim Cameron geniesst in Hollywood jetzt königliche Vorzüge.

    Gemessen an den Zuschauerzahlen in der Schweiz klafft zwischen den rund 750′ooo Besuchern von “Avatar” und den fast zwei Millionen von “Titanic” 1998 aber noch eine gewaltige Lücke. Das Untergangsdrama kumulierte diesen Wert aber im Verlauf eines ganzen Jahres – und die Eintrittsstatistik von “Avatar” hält sich nach wie vor stark. In allen Landesteilen steht er weiterhin an der Spitze der Zuschauerliste.

    39′715 Eintritte konnte “Avatar” am vergangenen Kinowochenende in der Deutschschweiz verzeichnen, eineinhalb Mal soviel wie der Film mit den zweitmeisten Besuchern, die romantische Komödie “It’s Complicated” von Nancy Meyers (26′510). Ebenfalls viele Zuschauer vor die Kinoleinwand gelockt (u.a. an den Solothurner Filmtagen) hat die Schweizer Koproduktion “Der grosse Kater” mit Bruno Ganz (11′618, Platz vier).

    Hier noch das vergangene Deutschschweizer Kinowochenende im Gesamtüberblick:

    Deutschschweiz Woche 4: Do 21.1.2010 - So 24.1.2010
    Filmtitel Screens Besucher
    1. “Avatar” 44 39715
    2. “It’s Complicated” 50 26510
    3. “Did You Hear About The Morgans?” 46 13971
    4. “Der grosse Kater” 28 11618
    5. “Alvin and the Chipmunks 2″ 44 9544
    6. “A Serious Man” 13 8526
    7. “Old Dogs” 24 6510
    8. “Champions” 46 5165
    9. “The Imaginarium of Doctor Parnassus” 13 3909
    10. “Law Abiding Citizen” 18 2981
    Totale Zuschauerzahl (Top 10) Deutschschweiz: 128′449

    Zahlen: SFV, ProCinema, Box Office Mojo.


    Der Bund über das neue Filmförderungskonzept

    Aktuelle Themen, Schweizer Film | 27. Januar 2010 von Lory Roebuck

    BAK-Filmchef Nicolas Bideau (2. v. r.) informiert an den Solothurner Filmtagen über die Filmförderung des Bundes

    Was die Schweizer Filmszene betrifft, bin ich zwar mit (noch) keinem Service Public beauftragt – weil ich am Montag an den Solothurner Filmtagen aber der eineinhalbstündigen Informationsveranstaltung über die Filmförderungskonzepte des Bundesamts für Kultur beigesessen bin, will ich meine Notizen dazu an dieser Stelle trotzdem noch verarbeiten.

    In Anbetracht meines verstaubten français konnte ich den Ausführungen von BAK-Filmchef Nicolas Bideau nicht immer ganz folgen; zusätzlichen Rat geholt habe ich mir deshalb in den korrespondierenden Berichten der Solothurner Zeitung und des Tages Anzeigers. Es ist aber keineswegs so, dass etwas weltbewegendes verlautbart worden wäre.

    Angesetzt war die Besprechung des Konzepts für die Filmförderung in den Jahren 2011 bis 2013, orientiert wurde aber hauptsächlich über die von verschiedenen Arbeitsgruppen vorgenommene Evaluation des bestehenden Konzepts der Periode 2006 bis 2010, auf deren Grundlage das neue Modell verbessert – aber nicht grundlegend verändert – werden soll.

    Statt dem von Festivaldirektor Ivo Kummer totgesagten “Popularité et qualité” heisst das Mantra jetzt “Vielfalt und Qualität”, und während der Filmkredit des Bundes um 1,7 Millionen Franken auf 47 Millionen Franken erhöht wird, soll in Zukunft vermehrt dem filmschaffenden Nachwuchs und der zunehmenden Digitalisierung Rechnung getragen werden.

    Konkrete Ergebnisse werden erst im April erwartet, vorerst vertröstete die Evaluationsbeautragte Anne-Catherine de Perrot von Pro Helvetia mit der Eisbergmetapher, die vor Augen halten soll, dass Aussenstehende eh nichts vom operativen, wichtigsten Teil der Filmförderung verstehen. Gleichzeitig wurde aber mehr Transparenz versprochen.

    Ob die bisherige Filmförderung gelungen sei, wurde hinterher aus dem Publikum gefragt – symptomatisch dafür, dass hier über eine Evaluation genau dieses Themas informiert wurde, ohne dass aber bereits brauchbare Resultate vorlägen. Immerhin wissen wir jetzt, dass Fördergesuche für Spielfilme in den letzten Jahren stagniert und solche für Dokfilme zugenommen haben.

    Die Frage wurde jedenfalls in bester Politmanier beantwortet bzw. umgangen: Die bisherige Filmförderung funktioniere, sie habe aber Schwachstellen. Diese machte Thomas Geiser, Professor für Privat- und Handelsrecht an der Uni St. Gallen, vor allem in der Phase zwischen der Fertigstellung eines Drehbuchs und ihrer filmischen Umsetzung aus.

    Faktisch aufbereitet wird das Ganze in den nächsten Tagen auf der Webseite des Bundesamts für Kultur. Verzichtet habe ich am Tag nach dieser Orientierungsveranstaltung auf die Medienkonferenz zum verstärkten Engagement des Migros Kulturprozents. Die relevanten Infos dazu hat aber Kollege Sennhauser auf seinem Filmblog zusammengetragen.

    (Foto ©Eddymotion)


    Solothurner Filmtage: Von unregelmässigen Updates, Frankophonie, Lichtblicken und unwürdigen Sälen

    Cineast.ch, Filmfestivals | 26. Januar 2010 von Lory Roebuck

    Das Landhaus am Aareufer in Solothurn

    Ich möchte bitten, die momentan spärlichen Aktualisierungen auf cineast.ch zu entschuldigen. Die Unregelmässigkeiten haben natürlich damit zu tun, dass ich gerade an den Solothurner Filmtagen unterwegs bin – bzw. an den Journées de Soleure. Ich war (seltsamerweise) noch nie zuvor in Solothurn, weshalb mich die lokale Tendenz zum Frankophonen doch etwas überrascht.

    Da musste ich mich doch gleich bei der Visionierung eines Kurzfilms aus der Romandie geschlagen geben, weil von einer deutschen (oder zumindest englischen) Untertitelung keine Spur war. Meine Franzmatur liegt immerhin doch schon sechs Jahre zurück. So verstand ich auch BAK-Filmchef Nicolas Bideau wohl nur etwa zur Hälfte (mehr dazu im nächsten Beitrag).

    Wie dem auch sei; hier an der Aare wird wie jeden Januar der Schweizer Film gefördert und gefeiert. Zwanzig Spiel- und Kurzfilme habe ich bis jetzt geschaut – die Vielfalt war gross, die Anzahl Lichtblicke gering. Viele nette Sachen, aber vollends überzeugt hat mich soweit nur (bzw. immerhin) Séverine Cornamusazs Spielfilmdebüt “Coeur Animal”.

    Diesen und weitere Filme aus dem Programm der Solothurner Filmtage werde ich im Verlauf der nächsten Tage einzeln besprechen; aus zeittechnischen Gründen lege ich die Rezensionen zu Werken, die ohnehin bald im normalen Kinoprogramm anlaufen (z.B. “The Marsdreamers” und “Lourdes”), aber erst pünktlich zu deren eigentlichen Startterminen an.

    Zum Schluss dieses Beitrags möchte ich noch loswerden, dass die Kinoeinrichtungen in Solothurn zu wünschen übrig lassen. Das Landhaus ist eine umfunktionierte Aula mit harten Holzstühlen, mit denen man auch in der Reithalle Vorlieb nehmen muss; im Palace sind die Plätze von unten nach oben abgestuft, in den anderen Sälen gibt es gar keine Abstufung der Sitzreihen.

    Nur das Kino Canva gibt etwas her, doch ausgerechnet seine drei Säle sind am weitesten von allen anderen entfernt situiert. Einem so traditionsbewussten (und teilweise wichtigtuerischen) Festival sind solche Einrichtungen eigentlich unwürdig. Das macht die barocke Altstadt nicht wett, weil sich hier sowieso alle den ganzen Tag lang im (ungemütlichen) Kino aufhalten.