
Keine Rubrik innerhalb des Horrorgenres ist so groß wie die Zombieabteilung. Zombiefilme gibt es in Massen. Für fast jeden Geschmack ist etwas dabei. Lebende Tote oder infizierte Kannibalen übten schon immer eine gewisse Faszination aus.
Aus diesem Grund habe ich schon eine erstaunliche Menge an Filmen über, von oder mit Untoten gesehen. Aber kein Film hat mich jemals wieder so geflasht wie “28 Days Later”. Warum? Das ist ganz einfach zu erklären. Die Handlung ist relativ simpel: Jim, ein Fahrradkurier, wacht nach 28 Tagen in einem Krankenhaus auf. Die Welt um ihn herum hat sich in dieser Zeit drastisch verändert. London ist ausgestorben. England ist verlassen. Großbritannien ist tot. Wobei… nicht ganz tot.
Zombiemassen
Ein im Testlabor entstandener Virus hat fast die gesamte britische Bevölkerung in hirnlose Zombiemassen verwandelt. Die Ansteckungsgefahr ist groß: Gelangt Zombieblut in deinen Körper, bist du bald einen von ihnen. So simpel ist es. Jim trifft auf Selena, die ihm das Leben rettet und mit der zusammen er sich durch die verseuchte und ausgestorben wirkende Stadt London kämpft. Auf ihrer Odyssee durch die postapokalyptische Szenerie treffen sie auf Taxifahrer Frank und seine fünfzehnjährige Tochter Hannah. Frank und Hannah hatten sich in ihrer Wohnung verbarrikadiert. Doch Essen und Wasser sind knapp. Bleiben ist keine Option. Ein empfangener Funkspruch verspricht Rettung und “Cure” – Heilung. Diese soll in Form einer Straßenblockade Nordöstlich von Manchester liegen.
Die vermeintliche Rettung jedoch ist keine. Eine Militärstation hat den Funkspruch herausgegeben mit Hoffnung auf Frauen. Frank infiziert sich und stirbt. Schlussendlich müssen Jim, Selena und Hannah gegen die Soldaten kämpfen um zu überleben. Jim wird schwer verletzt, doch Selena und Hannah flicken ihn in einem verlassenen Spital wieder zusammen. Am Schluss scheinen sie die Einzigen Überlebenden zu sein. Die Soldaten sind Geschichte, die infizierten Menschen verhungern auf der Straße. Ist das ein Happy End oder nicht?
Alternative Ideen
Auf jeden Fall ist es nicht das Einzige mögliche Ende. Danny Boyle und der Drehbuchautor Alex Garland hatten nicht nur drei weitere Enden im Kopf, sondern auch zwei davon im Kasten. In der Preview-Version des Films stirbt Jim am Schluss im Spital und schließt somit den Kreis, den er mit seinem Aufwachen am Anfang des Filmes begonnen hat. Die dritte Version ist ähnlich, nur verlassen da Selena und Hannah das Krankenhaus und treten alleine und bewaffnet den Zombieherden entgegen.
Das letzte Ende, das “das radikale Ende” genannt wurde, ist nie gedreht worden. In diesem gibt es weder eine Militärstation noch Soldaten. Dafür einen Wissenschaftler, der tatsächlich die Formel zur Rettung kennt. In diesem Ende gibt Jim sein Leben um den infizierten Frank zu retten. Doch das Ende machte laut Boyle keinen Sinn, da die Rettung durch einen Bluttransfer sehr ungläubig schien. Das Logikloch wäre zu groß gewesen.
Die Technik
Es ist nicht nur die eigentlich simple und doch rasante Story, die den Film ausmacht. Die absolute Besonderheit und einer der Gründe, warum mich “28 Days Later” damals wie heute immer noch so beeindrucken kann, ist die Tatsache, dass der Spielfilm fast ausschließlich mit einer DV-Kamera gefilmt wurde. Dadurch erhielten die Filmmacher mehr Bewegungs- und Manövrierfreiheit. Diese war auch dringend nötig während den stressigen Dreharbeiten.
Das Beeindruckendste an diesem Film sind aber die Shots des verlassenen Londons. Diese waren tatsächlich nicht einfach in den Kasten zu kriegen. Der Piccadilly Circus, der Swiss Court, die Westminster Bridge, die Oxford Straße und Teile der M1 waren minutenweise von der Polizei komplett abgeriegelt worden (meistens ganz früh morgens), um die Dreharbeiten zu ermöglichen. Da blieb nicht viel Zeit für Licht- und Kamerainstallation. Für eine Szene drehte die Filmcrew sogar einen ganzen Doppeldeckerbus auf die Seite und wieder zurück – alles in etwa 20 Minuten. Jede Aufnahme musste sitzen und das mit diesen Kameras. Das erfordert viel Mut und eine ruhige Hand. Apropos ruhige Hand, ich danke Danny Boyle noch heute dafür, keinen Film mit dem “Shaky Cam” Effekt gemacht zu haben, wie “Blair Witch Project” es vor- und “Cloverfield” es nachgemacht hatte.
Fazit
Normalerweise würde man in einer vernünftigen Retrospektive ja auch auf die Schauspieler eingehen. Doch in Danny Boyles “28 Days Later” spielen diese nicht nur alle eine sehr große Rolle, sondern sie spielen fast keine Rolle. Lasst mich erklären: Cillian Murphy, Brendan Gleeson, Naomie Harris und Christopher Ecclestone nimmt man keinen Moment lang als Schauspieler wahr. Sie sind die traurigen Protagonisten in diesem absolut real und doch so fantastisch wirkenden Szenario. Die Performance der sehr jungen Megan Burns (Hannah) könnte man jetzt etwas bemängeln, weil bei ihr alles etwas aufgesetzt wirkt. Aber irgendwie passt es dann doch zum “Trash”-Aspekt dieses Horrorfilms.
“28 Days Later” ist nicht nur ein überzeugender Zombiefilm. Er ist ein überzeugendes Drama, ein fantastischer Horrorfilm und absolut überzeugender dokumentarisch wirkender Thriller. Alle 10 mutierten Daumen hoch für Danny Boyles post-apokalyptisches Meisterwerk!