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    Rezension: “Welcome” von Philippe Lioret

    Neu im Kino, Rezensionen | 10. Dezember 2009 von Andreas Weber

    Ein facettenreiches Flüchtlingsdrama in der französischen Hafenstadt Calais, das den richtigen Ton zwischen kritischem Biss und schnulzigem Gefühlskino sucht.

    Bilal (Firat Ayverdi), ein 17-jähriger Flüchtling aus dem Irak, hat zu Fuss ganz Europa zu Fuss durchquert auf dem Weg nach London - dort lebt seine Geliebte Mina. In der französischen Hafenstadt Calais am Ärmelkanal, vermeintlich die letzte Etappe vor dem englischen Ufer, setzt sich Bilal in den Kopf, den 32 Kilometer breiten Channel schwimmend zu überqueren. Im Hallenbad, wo er seine ersten ungeschickten Schwimmversuche macht, lernt er den ehemaligen Profischwimmer Simon (Vincent Lindon) kennen. Anders als seine Frau (Audrey Dana) scheint Simon selbst keine soziale Ader zu haben; dennoch entwickelt sich zwischen Bilal und ihm eine starke Freundschaft.

    Kritik an der Flüchtlingspolitik
    Der Filmtitel “Welcome” ist selbstverständlich höchst ironisch zu verstehen. Willkommen sind die vielen Flüchtlinge in Calais eben gerade nicht. Von offizieller Seite her gilt: Es soll den Flüchtlingen bloss nicht zu gut gehen, es könnte ihnen sonst einfallen zu bleiben. Ghettobildung und andere Schlagworte geistern als Schreckensvisionen durch die Köpfe. Durch den Film gibt Regisseur Philippe Lioret deutlich zu verstehen, dass er diese Haltung nicht gutheisst. Besonders kritisch wird beleuchtet, dass die Regierung auch gegen Hilfsorganisationen und Zivilpersonen vorgeht, die versuchen, die Flüchtlinge zu unterstützen. Mit fragwürdiger rechtlicher Legitimierung drohen diesen sogar Repressalien. “Welcome” steht dann auch auf dem Fussabtreter vor der Wohnungstür eines Nachbarn, der die Polizei informiert, dass Simon Flüchtlinge beherbergt.

    Bilal, der Romantiker
    Die Effektivität dieser Kritik wird allerdings geschmälert dadurch, dass der Film nur am Rand zeigt, was es für Flüchtlinge bedeutet, in Calais gestrandet zu sein. Die grosse Schwäche des Films ist, dass Bilal ja wegen einer Liebschaft so dringend den Kanal überqueren möchte. Er ist in erster Linie ein romantischer Filmheld und nicht einer, der unter existentiellen Nöten und entwürdigenden Lebensumständen leidet. Gewonnen ist dadurch vielleicht, dass es dem Publikum leichter fällt, sich mit Bilal zu identifizieren. So geht es dann jedenfalls auch Simon, der die Trennung von seiner Frau noch nicht überwunden hat und zumindest Bilal zum Liebesglück verhelfen möchte. Und ganz ehrlich: Bei allem politischen Anecken und einiger Bitterkeit ist “Welcome” im Kern eben schnulziges Gefühlskino, das bewusst auf die Tränendrüse drückt.

    Die Kraft des Beiläufigen
    Dies bedeutet allerdings nicht auf Hochglanz polierte Kitschbilder. Auf der Leinwand zeigt sich dem Zuschauer ein recht ungeschminktes Calais. Hauptdarsteller Lindon und Dana wissen bodenständig zu überzeugen und auch die schwierige Besetzung der Rolle von Bilal ist mit dem Laien Firat Ayverdi sehr gut gelöst worden. Nioret ist es ausserdem gelungen, seine Figuren unaufdringlich aber präzise zu zeichnen. Ganz beiläufig wird etwa vermittelt, dass Simon in seinem Leben ebenfalls in einer Sackgasse steckt. Seine Sportlerkarriere ist zuende, seine Ehe ist zerbrochen und von Alkoholismus ist zwar nie die Rede, aber man kommt nicht umhin zu bemerken, dass er sich ja schon das nächste Bier bestellt hat. Bei “Welcome” wurde also durchaus Einiges richtig gemacht – ein wirklich potentes Statement zur Situation der Flüchtlinge in Calais (und anderswo) ist es aber leider nicht geworden.

    Infos:
    “Welcome”, Frankreich, 2009, 108 Min., R: Philippe Lioret, D: Firat Ayverdi, Vincent Lindon, Audrey Dana, Derya Ayverdi.

    Im Kino ab: 10.12.2009

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