Rezension: “Avatar” von James Cameron
Neu im Kino, Rezensionen | 17. Dezember 2009 von Lory Roebuck![]()
Mit seinem ersten Film seit dem elffach oscargekrönten “Titanic” vor zwölf Jahren gelingt James Cameron ein weiterer Meilenstein in der Filmgeschichte. Um eine simple Story herum entfaltet sich in 3D das bahnbrechende Kino der Zukunft.
Grosskonzerne von der Erde haben sich auf dem Lichtjahre entfernten Mond Pandora festgesetzt, um das seltene und wertvolle Mineral Unobtanium zu fördern. Um den widrigen Bedingungen auf der exotischen Welt standhalten zu können und mit den Na’vi, den humanoiden Eingeborenen, besser zu kommunizieren, hat ein menschliches Forschungsprojekt im Labor Na’vi-Körper gezüchtet, die mit dem Bewusstsein einzelner Menschen verknüpft werden können. Der Marineveteran Jake Sully (Sam Worthington) steuert einen solchen Avatar – offiziell, um die Kultur der Na’vi kennenzulernen, in Wirklichkeit aber, um die Eingeborenen zur Umsiedlung zu bewegen. Denn unter dem Seelenbaum des Hauptstamms liegt das grösste Vorkommen an Unobtanium des Mondes. Jake verliebt sich aber bald in die Na’vi-Prinzessin Neytiri (Zoë Saldana) und muss die Na’vi-Clans schliesslich im Kampf gegen die menschliche Armee anführen.
Kinopionier James Cameron
James Cameron, der selbsternannte König der Welt, ist der Erschaffer des erfolgreichsten Films der Kinogeschichte. Zwölf Jahre ist es schon her, dass “Titanic”, sein bisher letzter Spielfilm, nicht weniger als elf Oscars abräumte und weltweit $1,8 Milliarden in die Kassen spülte – aber sogar fünfzehn Jahre, seit in seinem Kopf die ersten Ideen zu “Avatar” gekeimt sind. Trotz des gewaltigen Sprungs nach vorne, die Computereffekte 1993 mit “Jurassic Park” gemacht hatten, war die Filmtechnologie für Cameron noch nicht weit genug fortgeschritten, um seine Vision umzusetzen. Damals stampften gerade die ersten vollständig im Computer generierten Dinosaurier über die Leinwand, Cameron war mit seinen Gedanken aber bereits bei einer komplett digital erstellten Welt, durchzogen von exotischer Flora und Fauna, bewohnt von eigentümlich aussehenden, erdfremden Wesen. 2005 sah er im Aufkommen des Performance Capture-Verfahrens die Grundlage, das Projekt “Avatar” zu wagen.
Die Technologie steckte aber noch in den Kinderschuhen, und Cameron setzte dazu an, ihr nicht nur das Laufen, sondern auch gleich das Fliegen beizubringen. Von einer bescheidenen Basis ausgehend, entwickelte er im Zuge der Produktion von “Avatar” selber neue, bahnbrechende Filmtechniken. Performance Capture baute er zu einem Aufnahmesystem aus, bei dem dank einer am Kopf festgemachten Kamera die kleinsten Nuancen der Gesichtsmimik bis hin zu den Bewegungen einzelner Gesichtsmuskeln des jeweiligen Schauspielers festgehalten werden konnten. Camerons ausserirdische Na’vi sollten lebensecht wirken. Unter Camerons Leitung wurde auch eine neuartige virtuelle Kamera kreiert, die es dem Regisseur erlaubte, schon beim Drehen anstelle des grün hinterlegten Sets Pandoras Regenwald zu sehen, anstelle von Hauptdarstellern Sam Worthington und Zoë Saldana ihre über drei Meter grossen blauen Na’vi-Figuren. Cameron tauchte bereits in seine Filmwelt ein, bevor sie der Computer in der Postproduktion hervorbrachte.
Indianergeschichte im Weltall
Klar bleiben bei diesem fast schon zwanghaften Fokus auf das Technische andere Aspekte des Films auf der Strecke. Im Vergleich zur Produktionstechnik zeichnet sich die Handlung von “Avatar” ganz und gar nicht durch gleichwertige Originalität aus. Doch bereits Camerons frühere Werke wie “Terminator”, “Aliens” oder “True Lies” überzeugten nie mit tiefsinnigen Storys. “Avatar” ist eine simple Indianergeschichte im Weltall, die sich an Plots aus Filmen wie “Dances with Wolves”, “Pocahontas” oder “Winnetou” orientiert: eine links-grüne Aufstandsstory um die ethische Überlegenheit von Eingeborenen gegenüber (ironischerweise) viel stärker technologisierten, ausbeuterischen Völkern. Dass ein liberales Grossstudio wie 20th Century Fox Cameron eine so offensichtliche anti-corporate Botschaft durchgehen liess, ist Ausdruck davon, welch unantastbare Position der Filmemacher in Hollywood geniesst.
Im Vergleich zu anderen Blockbustern verkauft die Handlung von “Avatar” den Zuschauer aber nicht für dumm. Sie ist nicht banal oder reihenweise von Logiksprüngen durchlöchert, sondern hat einen klaren roten Faden und einen grundsoliden emotionalen Kern. Jake Sully, der querschnittsgelähmte Ex-Soldat, der im Na’vi-Körper seines Avatars wieder laufen und springen kann, ist ein durch und durch sympathischer Protagonist und Tourguide durch dieses spektakuläre Abenteuer. Er ist eine universelle Figur, die es uns leicht macht, mit ihr mitzufühlen, wenn Jake beispielsweise klassische Initiationsriten durchgehen muss, um bei den Eingeborenen aufgenommen zu werden. Die spirituellen Na’vi ihrerseits sind auf den Punkt genau als traditionelle Underdogs charakterisiert, sodass sich die Bedrohung, die von den Menschen ausgeht, tatsächlich verwerflich erscheint. Dass “Avatar” nicht den Anspruch hegt, bedeutungsschwere Einsichten zu vermitteln, ist konsequenslos. Denn der Film hat genug Handlung, um ein grosses Publikum jeglichen Alters ansprechen zu können.
Bahnbrechendes Kinoerlebnis
Mehr muss der Plot auch nicht erreichen. Denn das Geniale an “Avatar” ist, wie sich um seine einfache Handlung das tricktechnisch gewaltigste Meisterwerk diesseits des Jahrtausends und das inszenatorisch ambitionierteste Unterfangen seit der “The Lord of the Rings”-Trilogie (2001-2003) entfaltet. Was uns von den Sitzen reisst ist der schiere Ehrgeiz von Camerons Vision. Pandora ist eine Welt, die auch neben den Rändern der Leinwand in all ihrem Facettenreichtum weiterzuexistieren scheint. So gross ist die Informationsfülle in jeder einzelnen Einstellung – aber gerade auch so unaufdringlich, dass alles vollkommen natürlich wirkt. Dank Performance Capturing wirken die Na’vi nicht wie blosse Computererzeugnisse, sondern wie lebende Charaktere. Camerons Detailverliebtheit schlägt das bisher grösste Kapital aus den Möglichkeiten, die das 3D Kino bietet. Der ganze technische Aufwand, den er betrieben hat, dient letztlich dazu, mit Pandora die immersivste Filmwelt aller Zeiten zu erschaffen.
Aber selbst die fotorealen Spezialeffekte, die einen Umbruch auf dem selben Level wie “Star Wars” 1977 und “Jurassic Park” 1993 markieren, hätten zusammen mit der 3D-Präsentation des Films in reine Effekthascherei auseinanderdriften können, würde nicht Camerons majestätische Inszenierung das Ganze zusammenhalten. Cameron hat immernoch das Gespür für einen hochspannenden Film, weiss die Action und das Timing perfekt zu handhaben, und liefert einige der epischsten Szenen der Kinogeschichte ab. Selbst bei über zweieinhalb Stunden Spieldauer (genau: 162 Minuten) kommt nie Langeweile auf. Die Bildgewalt von “Avatar” zeichnet sich immer wieder durch eine erhabene Schönheit aus, die oft atemberaubend, teilweise sogar ehrfurchterregend ist. Bahnbrechend an Camerons Pionierarbeit ist aber auch, dass sie den Weg für eine neue Kinozukunft ebnet, in der das Kino gegenüber dem Fernseher bzw. dem Home Cinema wieder einen Mehrwehrt besitzt. Mit “Avatar” hat das Konzept von Kino als Eskapismus eine ganz neue Dimension erreicht.
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Infos:
“Avatar”, USA 2009, 162 Min., R: James Cameron, D: Sam Worthington, Zoë Saldana, Sigourney Weaver, Stephen Lang, Giovanni Ribisi, Michelle Rodriguez, Joel Moore, CCH Pounder.
Im Kino ab: 17.12.2009













= Meisterwerk









Na also, jetzt freu ich mich erst richtig auf morgen!
Vielen Dank für die Rezension