Rezension: “Nord” von Rune Denstad Langlo
Neu im Kino, Rezensionen | 7. Januar 2010 von Andreas Weber
Das Regiedebüt des Norwegers Rune Denstad Langlo wird als “anti-depressives Off-Road-Movie” angepriesen. Die Wirkung dieser “Pille” dürfte allerdings nicht für jeden Zuschauer garantiert sein.
Jomar ist am Tiefpunkt seines Lebens angelangt. Der Ex-Skifahrer ist heute Skiliftbetreuer und eine Unzahl an Neurosen machen ihm ein normales Leben unmöglich. Seine einzige Leidenschaft sind hochprozentige Alkoholika, für alles andere fällt es ihm schon schwer überhaupt aufzustehen. Erst eine Katastrophe vermag ihn aus seiner Lethargie aufzurütteln und sich auf den Weg zu seinem vierjährigen Sohn, der ihn gar nicht kennt, zu machen. Durch die einsame Berglandschaft Norwegens reist er mit einem Schneetöff, stets gen Norden. Unterwegs trifft er auf skurrile Charaktere und erlebt kleinere Abenteuer.
Die Überwindung des inneren Schweinehunds
Das zentrale Thema von “Nord” ist sehr grundsätzlich. Es geht darum, zu erkennen, was das Leben eigentlich lebenswert macht, und um die geforderte Eigeninitiative. Als Road-Movie gestaltet, ist Jomars Geschichte eine der etappenweisen Selbstheilung. Der Film ist allerdings nicht so naiv, dass sich ein schwerer Alkoholismus plötzlich in Nichts auflösen würde. Allgemein wird im Film trotz kurzer Laufzeit stets sehr langsam vorgegangen und nichts überstürzt. Immer wieder nehmen die Begegnungen und kleinen Abenteuer beinahe allegorische Züge an. Etwa schenkt ein lebenssatter Eremit Jomar das (wahrscheinlich) norwegische Äquivalent zur Cumulus-Karte mit über Jahrzehnte angesammelten Punkten. Ein Kommentar auf die Vergänglichkeit irdischen Guts und dessen Nutzlosigkeit im Tod sicherlich, was “Nord” aber genau sagen will, bleibt stets etwas schwammig.
Unerreichte Vorbilder
“Nord” ist ein ziemlich spezieller Film, aber auch einer mit klar erkennbaren Vorbildern. Primär lässt die sonderbare Reise an David Lynchs “The Straight Story” denken, wo der Protagonist ebenfalls auf einem ungewöhnlichen Gefährt unterwegs ist zu einem Familienmitglied. Parallelen lassen sich auch zu “O’Horten” vom norwegischen Landsmann Bent Hamer erkennen. “Nord” erreicht aber leider nicht ganz den unwiderstehlichen Charme dieser beiden Titel, noch dürfte es beim Film dem Zuschauer so leicht fallen, dem Protagonisten das gleiche Mass an bedingungsloser Empathie entgegenzubringen.
Sympathiarbeit
Dem Publikum wird ein nicht geringes Mass an Mitarbeit abverlangt. Man muss sich dazu durchringen, dem trägen Jomar gegenüber Sympathie zu empfinden und man muss auch bereit sein, die recht schwammigen Botschaften des Films für sich selbst mit Sinn anzufüllen. Letztendlich lässt sich aber nicht alles vom Goodwill des Zuschauer abhängig machen. Für manche wird der Film eben zünden, für andere nicht. Verschwendete Zeit ist “Nord” dank den schönen Naturaufnahmen des ehemaligen Dokumentarfilmers Rune Denstad Langlos und dem behutsam grotesken Humor aber keinesfalls.

Infos:
“Nord”, Norwegen 2009, R: Rune Denstad Langlo, D: Anders Baasmo Christiansen, Kyrre Hellum, Marte Aunemo, Mads Sjøgård Pettersen, Astrid Solhaug, Even Vesterhus, Ragnhild Vannebo, Celine Engebrigtsen, Ole Dalen.
Im Kino ab: 07.01.2010













= Meisterwerk









Ich fand den Film absolut sehenswert. Aus den gleichen Gründen wie du oben gut beschrieben hast.