Rezension: “Humpday” von Lynn Shelton
Neu im Kino, Rezensionen | 14. Januar 2010 von Andreas Weber
Der in Seattle angesiedelte Low-Budget-Film von Lynn Shelton ist eine scharf beobachtende Tragikomödie über eine auseinandergelebte Männerfreundschaft. Und über den Plan, einen Porno zwischen zwei Hetero-Männern zu drehen.
Unverrichteter Dinge schläft das Ehepaar Ben und Anna ein. Eigentlich wollen sie unbedingt ein Kind, doch die Lust am Sex lässt sich eben nicht erzwingen. Dann, mitten in der Nacht, dringt ein Störkörper in das gutbürgerliche Eheleben ein: Bens alter Schulfreund Andrew poltert gegen die Haustür. Der Lebenskünstler kommt direkt aus Mexiko, wo er sich in ländlicher Abgeschiedenheit als Künstler versuchte. Anna und Ben bleibt nichts anderes übrig, als den Eindringling vorerst bei sich unterzubringen. Andrew findet aber bald Anschluss in der alternativen Szene Seattles und nistet sich in einer Art Kommune ein. Als Ben ihn dort besucht, bringen die ausgelassene Stimmung, Alkohol und andere Rauschmittel die beiden Freunde auf eine verrückte Idee: für das Amateur-Porno-Festival “Humpfest” wollen sie das vermeintlich ultimative Kunstprojekt realisieren: zwei Hetero-Männer beim Sex auf Video gebannt.
Spiesser oder Rebell?
In “Humpday” geht es allerdings nicht wirklich um den Diskurs, was genau Kunst ist und was nicht. Genausowenig geht es darum ein Tabu zu brechen. Das Tabu wird in den Raum gestellt, da sich vor seinem Hintergrund Bens und Andrews Persönlichkeiten und ihre Freundschaft wunderbar reflektieren lassen. Beide wollen einander und nicht zuletzt sich selbst nämlich etwas beweisen. Ben fühlt sich in das Klischee des brav spiessigen Ehemanns hineingezwängt und versucht daraus auszubrechen. Andrew hingegen erkennt, dass er trotz seines rebellischen Lebenswandels bisher gescheitert ist, alle bourgeoisen Werte seiner Erziehung abzuschütteln. So wollen sie ihr Vorhaben dann unbedingt durchführen, auch wenn sie es mittlerweile beide für keine gute Idee mehr halten. Der Regisseurin und Autorin Lynn Shelton (die übrigens selbst als Lesbe, die eine Sexbeziehung mit Andrew anfängt, mitspielt) gelingt es so eine tiefe, aber auseinandergelebte Männerfreundschaft genau zu untersuchen. Vor allem die Mechanismen des Machismo und die verzweifelten Versuche die klischierte Fremd- und Selbstwahrnehmung zu durchbrechen, werden pointiert dargestellt.
Drama und Komödie
Auf “Humpday” passt die englische Genrebezeichnung “Bromance” wunderbar. Es ist nämlich regelrecht herzzerreissend zu beobachten, wie die beiden Freunde trotz aller gegenseitiger Liebe und Wertschätzung nicht mehr wirklich zueinander finden. Die lange Trennung und vor allem der radikal verschiedene Lebenswandel haben ihre Spuren hinterlassen. Nichtsdestotrotz gibt es auch Szenen voller Nostalgie, in denen die alten Tage noch einmal aufzuflackern vermögen. Doch diese Momente sind nicht von Dauer. Auf der Ebene des Dramas gewinnt “Humpday” zusätzliche Tiefe durch die Auswirkungen, die das ungewöhnliche “Kunstprojekt” auf Bens Ehe hat, denn für Anna ist das Vorhaben natürlich völlig inakzeptabel. Auch hier beweist Shelton ihre scharfe Beobachtungsgabe und bringt Verständnis für beide Seiten des Konflikts auf. Eine weitere Qualität des Films ist, dass er auch als Komödie funktioniert. Der Humor gründet allerdings nicht in gewitzten Dialogen oder Slapstickeinlagen, sondern in der Ironie und Abwegigkeit der Situationen, in denen sich die Protagonisten wiederfinden.
Das Maximum mit minimalem Budget
Es ist schön zu sehen, dass mit “Humpday” eine Independentproduktion mit minimalem Budget den Sprung in zumindest einige Schweizer Kinos schafft. Natürlich kann der Film nicht den Hochglanz, die Schauwerte oder die Starpower seiner Konkurrenz aufweisen – dies ist allerdings kein Defizit, sondern wird sogar zum Vorteil verwandelt. Das grobkörnige digitale Bild hat etwas sehr Natürliches, beinahe Dokumentarisches. Ein Faktor dafür dürfte in der Zeit von Youtube sein, dass eben sehr Privates nun teilweise – in natürlich nicht berauschender Bildqualität – öffentlich werden kann. Ausserdem schert sich die Kameraführung nie um besonders ästhetische oder künstlerische Komposition, im Zentrum des Interesses stehen immer die Darsteller. Diese besitzen im Übrigen auch eine eigentümlich natürliche Qualität, sicherlich gerade weil sie keine Stars sind, die man schon aus zig anderen Rollen kennt, und sie sich ganz ohne Allüren ihren Rollen hingeben. In Hinblick auf seine Ästhetik ist “Humpday” letztendlich nicht einfach nur semiprofessionell und krude, sondern durchaus auch auf schöne Art alltagspoetisch.
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Infos:
“Humpday”, USA 2009, 94 Min., R: Lynn Shelton, D: Mark Duplass, Joshua Leonard, Alycia Delmore, Lynn Shelton, Trina Willard.
Im Kino ab: 14.01.2010













= Meisterwerk









Fand ich super. Sah den Film am ZFF.