Rezension: “Un prophète” von Jacques Audiard
Neu im Kino, Rezensionen | 15. Januar 2010 von Lory Roebuck
Jacques Audiard zeigt den Aufstieg eines jungen Analphabeten zum Gangsterboss im Mikrokosmos einer französischen Haftanstalt. Das intensive Meisterwerk wurde in Cannes mit dem grossen Jurypreis ausgezeichnet.
Der 19-jährige Malik El Djebena (Tahar Rahim) muss für sechs Jahre hinter Gitter. Bei seiner Ankunft im französischen Gefängnis wirkt der arabisch stämmige Analphabet ängstlich und fragil. Das macht sich der ältere korsische Mithäftling César Luciani (Niels Arestrup) zu nutzen, der mit seinen Landsleuten die Haftanstalt intern mit strenger Hand regiert. Als “Gegenleistung” für ihren Schutz soll Malik für die Korsen heikle Aufträge ausführen. Malik ist schlau, erledigt nach anfänglichem Zögern alles ohne Widerspruch und steigt so im Verlauf der Zeit in ihrer Hierarchie auf. Gleichzeitig baut er aber ein eigenes Beziehungsnetz auf, um die vorherrschenden Machtstrukturen zu unterlaufen.
Le parrain
Fünf Jahre nach seinem Riesenerfolg mit “De battre mon cœur s’est arrêté”, der achtfach mit dem französischen Filmpreis César ausgezeichnet wurde, gelingt Jacques Audiard mit “Un prophète” so etwas wie Frankreichs zeitgenössisches Pendant zu Francis Ford Coppolas Gangsterklassiker “The Godfather”(1972). Audiards Genrefilm zeichnet sich speziell dadurch aus, dass sich der Aufstieg seines Protagonisten in der Verbrecherhierarchie fast gänzlich innerhalb einer Haftanstalt abspielt. Dieser Ort wird von einer korsischen Mafia regiert, ihr Anführer mit dem bezeichnenden Namen César zieht mit Bestechungen und Auftragsmorden die Fäden vom Knast aus. Die unverblümte Botschaft des Films lautet also, dass man die Leiter der Kriminalität am schnellsten im Gefängnis erklimmt.
Orientierungslos und ohne Perspektiven findet sich Audiards Protagonist Malik El Djebena in dieser Welt wieder. César erkennt Maliks anfängliche Schwäche und instrumentalisiert ihn. Zwischen dem korsischen Paten und dem jungen Araber entwickelt sich eine Meister-Sklaven-Beziehung, doch Malik ist nicht willenlos, sondern nur zurückhaltend. Er weiss, wann er die Klappe zu halten hat, passt aber aufmerksam auf und erkennt so die Dynamik der Machtverhältnisse, die er zu seinen Gunsten zu manipulieren lernt. Audiard erzählt in “Un prophète” nicht nur die Geschichte eines Aufstiegs und Wandels, die der 28-jährige Hauptdarsteller Tahar Rahim genial vor Augen führt, sondern auch die einer Identitätssuche: Malik hat keine Vergangenheit (wofür er sitzen muss, erfährt man nie), er ist ein weisses Blatt, das erst im Knast beschrieben wird.
Sozialkritik
Das Knastleben zeigt Audiard aus schonungsloser Nähe, mit ultrabrutalen Bildern. Gleichzeitig umgeht er gängige Klischees aus Gefängnisfilmen – hier geht es nicht um hypervirile Typen, die sich die Schädel einschlagen. Audiards Knast ist ein Mikrokosmos einer Gesellschaft, die zunehmend von Intoleranz und Rassismus geprägt ist. Die Banden sind nach kultureller Herkunft unterteilt, Korser konkurrieren mit Franzosen und Italienern, während sich das Gefängnis zunehmend mit Muslimen füllt. Malik steht dabei als arabischstämmiger Franzose zwischen zwei Welten: Die Araber sehen ihn als Sklaven der Korsen an, die Korsen als “ihren” dreckigen Araber. “Un prophète” ist somit nicht nur ein klassischer Gangsterthriller, sondern auch ein Film von aktueller Brisanz, der Gesellschaftskritik ausübt.
Ein starker Kontrast zu Audiards realitätsnaher Inszenierung bilden einige traumartige Sequenzen, die immer wieder dazwischen eingespielt werden. Wenn ein Mithäftling, den Malik zu Beginn des Films als ersten Auftrag für César umgelegt hat, mit ihm später als Geistergestalt die Zelle teilt, bezeugt das einerseits Maliks Gewissensplagen, andererseits auch seine Einsamkeit. Ironischerweise war es genau dieser Ermordete gewesen, der Malik den Anstoss gegeben hat, seine Haftzeit zur Bildung zu nutzen. Der Analphabet lernt dann neben Schreiben und Lesen vor allem auch das Handwerk der Kriminalität – eine Ausbildung, die er sich zunutze macht, als er tagsüber Freigang erhält und draussen seine eigene Machtbasis aufbaut. “Un prophète” ist ausdrucksstarkes Genrekino von epischem Ausmass, das niemand verpassen sollte.
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Infos:
“Un prophète”, FRA/ITA 2009, 155 Min., R: Jacques Audiard, D: Tahar Rahim, Niels Arestrup, Adel Bencherif, Hichem Yacoubi, Reda Kateb, Jean-Philippe Ricci, Gilles Cohen, Antoine Basler, Leïla Bekhti.
Im Kino ab: 14.01.2010













= Meisterwerk








