Rezension: “A Serious Man” von Joel & Ethan Coen
Neu im Kino, Rezensionen | 21. Januar 2010 von Andreas Weber
Mit ihrem neuen Werk gelingt den Coens nicht nur eine tiefschürfende Tragikomödie jenseits von Genrekonventionen, sondern auch ein sehr persönlicher Film, der sich mit ihrer jüdischen Erziehung auseinandersetzt.
Minnesota, 1967: Der Jude Larry Gopnik (Michael Stuhlbarg) ist Physik-Professor. Sein Leben ist mit einem kleinen suburbanen Haus, einer Ehefrau und zwei Kindern absolut durchschnittlich. Für Larry bricht eine Welt zusammen, als seine Frau Judith (Sari Lennick) ihn für den gewichtigen Lebemann Sy Ablemann (Fred Melamed) verlassen will. Und plötzlich häufen sich die Unglücksfälle in Larrys Leben. Ein Student versucht ihn um eine bessere Note zu bestechen, was bald in Erpressung umschlägt. Die Unileitung erhält anonyme Briefe, die Larry diffamieren, und seine Vertragsverlängerung scheint plötzlich ungewiss. Sein Bruder Arthur (Richard Kind) belagert seine Couch, weil er keine Wohnung finden kann – und gerät prompt auch noch mit dem Gesetz in Konflikt. Und es scheint immer noch schlimmer zu kommen. Larry stürzt in eine tiefe Sinnkrise – Was hat das alles zu bedeuten? Möchte Gott ihn prüfen? Oder bestrafen? – und begibt sich auf die Suche nach Antworten.
Persönlicher Film
“A Serious Man” ist ein sehr persönlicher Film der Gebrüder Coen, davon darf man wohl ausgehen. Mit dem Minnesota im Jahre 1967 beschwören sie ihre eigene Kindheit herauf. Und mit der Geschichte über Larry Gopnik thematisieren sie erstmals explizit den Einfluss ihrer jüdischen Erziehung. Der noch direktere Link zur eigenen Kindheit dürfte aber in Larrys Sohn Danny (Aaron Wolff) zu finden sein, der Protagonist kleinerer Episoden des Films. Mit 13 Jahren ist er im gleichen Alter, wie im Jahre 1967 Joel, der ältere der Gebrüder Coen. Seine Welt wird nebst der jüdischen Schule und dem Tora-Studium für die Bar Mitzvah vor allem durch Marijuana, die Western-Serie “F Troop” und die Band Jefferson Airplane geprägt. In Dannys Leben bricht das Unglück hinein, als sein Taschenradio (das durch seine Form und vor allem die weissen Kopfhörer anachronistisch an einen iPod erinnert) von einem Lehrer konfisziert wird. Darin bewahrte er nämlich 20$ auf, die er dem Klassenschläger Fagle für das Gras schuldet.
Mysterien akzeptieren
Doch zurück zu Larry, dessen von Schicksalsschlägen geplagtes Leben an einen modernen Hiob denken lässt. Und wie sein alttestamentliches Gegenstück möchte Larry mit Gott in den Dialog treten. Doch die Verbindung scheint gestört zu sein und Larry findet keine Antworten. Seelsorgegespräche mit verschiedenen Rabbi, die gemäss Larrys Freunden die Kraft ihrer Lebenserfahrung und jahrtausende alter Überlieferung hinter sich haben, fördern nichts als vulgärphilosophische Gemeinplätze zutage. Das Motiv, dass Gott nicht zu erreichen ist, dass der Empfang gestört ist, taucht in “A Serious Man” immer wieder auf und verwandelt sogar etwas Alltägliches wie das Richten der TV-Antenne, damit der Sohnemann “F Troop” empfangen kann, zur metaphysischen Metapher. Man achte nur darauf, wie diese Szene gefilmt ist: In ihrer ersten Einstellung sehen wir nur einen Ausschnitt blauen Himmels, in den sich das Ende einer Leiter erstreckt, ohne etwas Bestimmtes zu erreichen.
Dass einen das Leben mit viel mehr Fragen als Antworten konfrontiert, ist bestimmt keine spezifisch jüdische Erfahrung. Und so funktioniert “A Serious Man” dann für jedermann, trotz seiner Darstellung eines jüdischen Milieus und seinem Ivrit-Vokabular (das übrigens grösstenteils selbsterklärend sein dürfte). “Accept the mystery” ist eine zentrale Dialogzeile des Films und die Coens demonstrieren: Wer sein Hirn beständig mit Sinnfragen zermartert, wird keine ruhige Stunde mehr haben. Eine andere Metapher für die Ungewissheiten im Leben präsentiert der Physik-Professor Larry anhand des Paradox von Schrödingers Katze. Und wenn der Film mit einer Art eigenständigem Kurzfilm eingeleitet wird, der vor mehreren Jahrhunderten spielt und sich formal durch sein 4:3-Bild vom Hauptfilm unterscheidet, so ist dies nicht nur eine schwarzhumorige Einführung in die jüdische Kultur, sondern eine weitere Fabel für exakt dieses Paradox. Auch das Ende des Films refklektiert wieder den gesamten thematischen Unterbau, es bleiben nämlich viele Fragen offen. Gerade diese Offenheit macht “A Serious Man” in seiner Konzeption aber absolut vollendet.
Handwerkliche Meisterschaft
Doch auch die handwerkliche Ausführung lässt keinen Zweifel daran, dass die Coens nach wie vor grosse Meister ihres Mediums sind. Für Freunde ihres Oevres gilt es allerdings erstmal einen Schock zu verdauen: Beim neuen Werk wirkte keiner ihrer Stammschauspieler mit, einen Star sucht man darin sowieso vergeblich. Das Casting von unbekannten Akteuren und Laien kann aber höchstens in kommerzieller Hinsicht als “Fehler” bezeichnet werden. Die Darstellerleistungen sind nämlich allesamt sehr stark, mit jener eigentümlichen, Coen-typischen Mischung aus Karikatur und nackter Menschlichkeit, was den Film an seinem Schnittpunkt von Komödie und Drama ungemein verstärkt. Und am Entscheidensten ist natürlich, dass Michael Stuhlbarg seinen Larry dermassen überzeugend und ohne sich anzubiedern sympathisch spielt. Dem Film gelingt so nämlich eine kongeniale Charakterstudie, die den grossen Themen des Films absolut gerecht wird.
Hinter der Kamera hielten sich die Coens übrigens an altbewährte Kollaborateure. Für die schlichte Fotographie, in der sanfte Farben dominieren, war Roger Deakins verantwortlich, der seit “Barton Fink” (1991) immer wieder mit den Coens arbeitete. Und die melancholisch tonangebende Musik stammt abermals von Carter Burwell, der die Brüder schon seit ihrem Erstling “Blood Simple” (1984) begleitet. Dies sind natürlich sichere Werte, auf die man zählen kann. Entscheidend ist aber vielmehr, dass “A Serious Man” nicht bloss mehr vom Gleichen, sondern im Gegenteil (für die Coens natürlich wieder typisch) einzigartig ist. Seine vielschichtige Handlung entfaltet er mit einer souveränen Subtilität. Es gibt keine platten Expositionen, sondern alles entfaltet sich aus sehr natürlichen Situationen, wodurch eine absolut glaubhafte Welt erschaffen wird (in der sich natürlich, wie im beschriebenen Beispiel mit dem “iPod”, Historisches und Anachronistisches durchaus humorvoll die Hand geben darf). Genrekonventionen umgeht er ebenso radikal wie zuletzt die aberwitzige Spionage-Parodie “Burn After Reading”. Und wie schon im Vorgängerfilm ist auch “A Serious Man” wieder gespickt mit einem urkomischen Galgenhumor, der hier immer wieder erruptiv die allgemein eher gedrückte Stimmung durchbricht. “No jews were harmed in the making of this picture” heisst es dann auch augenzwinkernd im Abspann.
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Infos:
“A Serious Man”, USA/UK/FRA 2009, R: Joel & Ethan Coen, D: Michael Stuhlbarg, Richard Kind, Fred Melamed, Sari Lennick, Aaron Wolff, Jessica McManus, David Kang.
Im Kino ab: 21.01.2010













= Meisterwerk








