Rezension: “Up In The Air” von Jason Reitman
Neu im Kino, Rezensionen | 4. Februar 2010 von Lory Roebuck
“Juno”-Regisseur Jason Reitman gelingt mit seinem neuen Werk ein publikumsfreundlicher und dennoch kritischer Film über die Wirtschaftskrise. George Clooney brilliert darin als vielfliegender Downsizer, der Beziehungen als Ballast empfindet.
Ryan Bingham (George Clooney) fliegt jeden Tag in eine neue Stadt, um in der aktuellen Wirtschaftskrise Leute zu entlassen. Er arbeitet nämlich für eine Firma, die im Auftrag anderer Firmen deren Personalbestand verringert. Bingham fliegt für sein Leben gern, fühlt sich an Flughäfen Zuhause und scheut feste Freundschaften und Beziehungen. An Seminaren erzählt er, warum man Verpflichtungen am Besten meidet. Doch dann lernt Ryan zwei Personen kennen, die sein geordnetes Leben auf den Kopf stellen: Während aus dem Flirt mit der Vielfliegerin Alex (Vera Farmiga) mehr wird, revolutioniert die Uniabsolventin Natalie (Anna Kendrick) Ryans Firma mit einer neuen Entlassungsmethode, die seine Arbeit und die dazugehörige Fliegerei überflüssig macht.
Sympathische Antihelden
Jason Reitman ist zwar der Sohn des berühmten Ivan Reitman, der in den Achtzigerjahren Publikumserfolge wie “Ghostbusters” und “Kindergarten Cop” gedreht hat, doch im Schatten seines Vaters steht er schon lange nicht mehr. Man ist eher geneigt zu fragen, woher das filmische Talent von Ivan Reitmans Sprössling entstammt, das die Fertigkeit des Vaters bei weitem übertrifft. Drei Spielfilme hat Jason Reitman bislang gedreht, auf die insgesamt zehn Oscar- und elf Golden Globe-Nominierungen entfallen. Im Zentrum jedes dieser Werke steht ein genüsslicher Antiheld: In “Thank You For Smoking” (2005) war es Aaron Eckhart als Tabaklobbyist Nick Nayler, in “Juno” (2007) Ellen Page als schwangere Teenagerin Juno Macguff, und nun ist es George Clooney als beziehungsausweichender Vielflieger Ryan Bingham in “Up In The Air”, Jason Reitmans bisher gelungenstem Film, der in allen Belangen überzeugt.
Clooney gibt seine Rolle mit der wohl stärksten Performance in seiner bisherigen Karriere zum Besten, doch Ryan Bingham ist an sich schon eine äusserst interessante Filmfigur. Zunächst einmal jobbt Bingham als Downsizer, der Angestellte in fremden Firmen entlässt, die ihn anheuern, weil sie sich feige vor dieser unrühmlichen Aufgabe scheuen. Reitman trifft hier den Geist der aktuellen Wirtschaftskrise, lud kürzlich gefeuerte Personen aus dem echten Alltag dazu ein, ihre Freistellungen vor der Kamera zu rekreieren. Bingham entlässt unzählige Leute pro Tag, professionell und gewappnet gegen jede erdenkliche Reaktion ihrerseits. Er weiss gar nicht, weshalb sein jeweiliger “Klient” überhaupt entlassen wird – und trotzdem muss er sein Gegenüber davon überzeugen, dass die Zukunft auch neue Chancen beherbergt. Es ist ein dreckiger Job, den Bingham aber würdevoll auszuführen weiss.
Über den Wolken…
Dass diese Figur dem Zuschauer nicht unsympathisch erscheint, liegt nicht nur daran, dass sie Clooneys Gesicht trägt. Vielmehr wird Ryan Bingham über seinen Beruf hinaus als beziehungsscheuer Dauerreisender charakterisiert, der feste Freundschaften und die Familie als Ballast empfindet. An Seminaren spricht er von einem Rucksack voller Verpflichtungen, die jeder auf seinem Rücken trägt und die jeden runterwiegt. Dieses Gepäck gilt es seiner Ansicht nach abzulegen, will man wirklich frei sein, denn der Mensch ist ein Einzelkämpfer. Über den Wolken empfindet der Vielflieger die Freiheit in dieser Hinsicht tatsächlich als grenzenlos; während seine Wohnung karg eingerichtet nur als Bleibe für die paar Tage im Jahr, an denen er nicht fliegen muss/darf, herhält, fühlt sich Bingham im fremden Menschenmeer in Flughafenterminals Zuhause.
Die präzise Etablierung dieser Filmfigur hat zwei Funktionen: Einerseits reisst sie in ihrer Originalität den Zuschauer sofort mit, andererseits lässt sie sich wunderschön gegen eine filmische Wand knallen. Denn nach der punktgenauen Exposition wird diesem einzigartigen Charakter zynisch der Boden unter den Füssen weggezogen. Ryan Bingham erfährt zwei existenzielle Bedrohungen in Form von zwei Frauen, die in sein Leben treten. Die moderne Uniabsolventin Natalie Keener radikalisiert die Firmenstrategie mit einem Entlassungssystem über das Internet; für Bingham bedeutet das ein Grounding. Gleichzeitig begegnet er in Vielfliegerin Alex Goran einer Seelenverwandten: “Think of me as you, but with a vagina”. Herrlich, wie sich Ryan und Alex in der Flughafenlounge mit dem Austausch ihrer Memberkarten gegenseitig antörnen, oder wie Ryans Ziel, 10 Millionen Flugmeilen zu erreichen, als Phallussymbol einsteht.
Überzeugendes Ganzes
Alex und Natalie sind zwei Figuren, die in der Romanvorlage (“Up In The Air” basiert auf dem gleichnamigen Buch von Walter Kirn) gar nicht vorkommen, dem grandiosen Script aber die nötige filmische Dimension verleihen. Vera Farmiga und Anna Kendrick sind in ihren Rollen nicht minder überzeugend als Clooney, alle drei zurecht für Darstelleroscars nominiert. Im Film nimmt Bingham Natalie mit auf seine Reisen, um sich ironischerweise für die menschliche Dimension ihrer Arbeit stark zu machen. Diese Haltung, aus beruflicher Not eingenommen, schafft die Basis dafür, dass Bingham in seiner wachsenden Beziehung zu Alex langsam den Wert von Gemeinschaft und Partnerschaft kennenlernt. Eine absehbare Reise, aber von Reitman und Ko-Autor Sheldon Turner unglaublich gut geschrieben: So gelangt Bingham schrittweise zur Einsicht, dass “sein” Rucksack nicht nur ein Gegenstand sein muss, der einen runterwiegt, sondern auch ein Behälter von Dingen sein kann, die man mit sich mitnehmen will.
“Up In The Air” ist ein exzellenter Film, weil sein smartes Drehbuch auch in filmtechnischer Hinsicht grossartig umgesetzt wurde. Hervorragend ist beispielsweise die Schnittarbeit von Cutterin Dana E. Glauberman, die mit rapiden seriellen Cuts, die an Werbespots erinnern, eine filmische Entsprechung zur sauberen und gleichzeitig doch so zerstückelten Lebensweise von Ryan Bingham findet. Und wie es sich für einen Film von Jason Reitman gehört, werden seine Bilder mit jeweils gut ausgewählten Musikstücken passend untermalt (die aber nicht mehr ganz so schwungvoll wie die Songs in “Juno” daherkommen). Jason Reitman setzt sich mit seinem Filmstoff unterhaltend und publikumsfreundlich auseinander, ohne dabei an gedanklicher Qualität einzubüssen. So gelingt ihm mit “Up In The Air” ein sympathischer Film, der bis und mit der letzten Einstellung und Dialogzeile auch immer erfrischend zynisch ist.
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Infos:
“Up In The Air”, USA 2009, 105 Min., R: Jason Reitman, D: George Clooney, Vera Farmiga, Anna Kendrick, Jason Bateman, Amy Morton, Melanie Lynskey, J.K. Simmons, Sam Elliott, Danny McBride, V: Universal Pictures International (Schweiz).
Im Kino ab: 04.02.2010













= Meisterwerk








