Fünf Leidtragende der Oscarverleihung 2010
Aktuelle Themen, Filmauszeichnungen | 4. Februar 2010 von Lory Roebuck
Jeder Filmschauer hat seine eigenen Präfenrenzen, welche Filme, Schauspieler und Filmtechniker mit einem Oscar belohnt gehören. Mit den tatsächlichen Wahlen der amerikanischen Filmakademie decken sich diese nur selten. Ich hätte beispielsweise gerne Nominierungen für Filme wie “Antichrist” und “Moon” gesehen.
Dass diese beiden Werke nicht berücksichtigt werden, war schon im Voraus klar. Die Oscars sind zwar umstritten, aber absehbar. Für gute Prognosen muss man bloss die Selektionen der diversen Filmgilden und Kritikerverbänden verfolgen. Kritiker beeinflussen das Wahlverhalten der Stimmberechtigten, die ihrerseits auch in den Gilden sitzen.
Die wahren Leidtragenden der jährlichen Oscarverleihung sind also jene Filmschaffende, die sich dank Kritikerlob und/oder Berücksichtigung von den Gilden Chancen auf eine Oscarnominierung ausrechnen durften, nur um dann hinterher vergeblich ihre Namen auf der Nominationsliste der Academy zu suchen.
Zu ihnen gehören dieses Jahr u.a. die folgenden fünf Personen:
Melanie Laurent in “Inglourious Basterds”

Oscarsnub als beste Nebendarstellerin:
Sie stiehlt in Quentin Tarantinos jüdischer Rachefantasie SS-Offizier Hans Landa zwar nicht die Schau (und Christoph Waltz hat für diese Rolle zurecht den Oscar als bester Nebendarsteller schon in der Tasche), ist mit ihrer Bravour aber der ebenbürtige Kontrapunkt zum teuflischen Judenfänger. Kaum jemand kannte vor “Inglourious Basterds” ihren Namen, umso höher ist ihr anzurechnen, dass sie aus diesem stargespickten Cast herausragt. Die Neuentdeckung des Jahres verkörperte eine ikonische Rolle: Shoshannas Gesicht auf der Kinoleinwand, ihre Revenge of the Giant Face, wird noch einige zukünftige Filmmontagen zieren.
Michael Stuhlbarg in “A Serious Man”

Oscarsnub als bester Hauptdarsteller:
Noch ein No-Name, der trotz grossartiger Darbietung von der Academy übergangen wurde. “A Serious Man” ist in der Oscarhauptkategorie als bester Spielfilm nominiert, Stuhlbarg brilliert in der Hauptrolle des Films der Gebrüder Coen und wird für einen Golden Globe nominiert, doch bei den Oscars scheitert er daran, dass er immernoch eine unbekannte Grösse ist. Schade, denn er spielt den verlorenen Mann der Coens, der Antworten sucht und keine erhält, auf den Punkt genau perfekt: sympathisch und mitleiderregend. Immerhin ist Stuhlberg jetzt auf dem Radar; noch so eine Leistung bringt ihm garantiert eine Oscarnominierung ein.
S. Neustadter und M.H. Weber für “(500) Days of Summer”

Oscarsnub für das beste Originaldrehbuch:
Gleich zu Beginn des Films heisst es: “This is a story of boy meets girl. But you should know upfront: this is not a love story.” Eine Beziehungskomödie, ja, aber alles andere als eine typische Rom-Com. Marc Webb inszeniert seinen Film temporeich und charmant, aber “(500) Days of Summer” würde ohne das originelle Drehbuch vom Autorenduo Scott Neustadter und Michael H. Weber als Grundlage keinen annähernd so tollen Film abgeben. Äusserst dynamisch (und gespickt mit popkulturellen Referenzen) springen sie in dieser 500-tägigen Beziehung umher und eröffnen einen glaubwürdigen Blick auf die Berührungs- und Abstosspunkte dieses Paares, das eine so grundverschiedene Auffassung von Beziehungen hat. Leider hat das nur die Autorengilde (WGA) gewürdigt.
Greig Fraser für “Bright Star”

Oscarsnub für die beste Kamera:
Die berührende Liebesgeschichte zwischen Fanny Browne und dem englischen Romantikdichter John Keats erzählt Jane Campion in “Bright Star” mit einer Anmut, die Keats’ Poetik würdig ist. Ebenso eindrücklich ist aber, wie Kameramann Greig Fraser die lyrische Schönheit in grandiosen Bilder festhält, die die Sinnlichkeit der Dichtungen sichtbar und greifbar machen. In desaturierten Landschaften kommt dank Frasers Blick eine einzigartige Farbenpracht zum Vorschein, die trotz Campions realitätsnaher Auseinandersetzung mit dieser Epoche den Geist der Romantik einfängt. Diesen Augenschmaus würdigte die Academy leider nur (bzw. immerhin) mit einer Nominierung der Kostümdesignerin Janet Patterson.
Dana E. Glauberman für “Up In The Air”
Oscarsnub für den besten Schnitt:
Schnell, aber kompakt; furios, aber elegant. Eine Kostprobe eine der genialen Schnitttechniken von Cutterin Dana E. Glauberman in “Up In The Air” liefert obige Filmszene. Die rapiden Serialcuts versinnbildlichen die saubere und gleichzeitig doch zerstückelte Lebensweise des professionellen Vielfliegers Ryan Bingham (George Clooney), der sich in Flughäfen Zuhause fühlt, also an den Übergangsschwellen und Zwischenräumen der üblichen menschlichen Existenz. Für diese einzigartige Filmfigur und dessen sympathisch-abstossende Philosophie hat Glauberman die richtige filmtechnische Entsprechung gefunden. Dafür hätte sie nicht nur eine Nominierung verdient, sondern gleich die Goldstatue.
Klar könnte man noch weitere Snubs aufzählen – die ungewürdigte Kameraarbeit in Filmen wie “A Single Man” und “Where The Wild Things Are” zum Beispiel, oder die Schauspielleistung von Julianne Moore in “A Single Man”. Für mich waren diese fünf aber die augenfälligsten. Und wen habt ihr vermisst? Kommentare sind erwünscht.
Die Liste aller Nominierten für die Oscars 2010 findet ihr in diesem Beitrag. Die Verleihung findet in der Nacht vom 7. auf den 8. März statt. Eine oder zwei Wochen zuvor veranstalten wir auf cineast.ch ein Wettbewerb, zu dem ich mir noch einen Preis überlegen muss. Gewinnen tut natürlich diejenige Person mit den meisten richtigen Tipps.













= Meisterwerk









Keine Nomination für “Mary and Max” in der “Animated Feature Film” Kategorie - sicher eine Enttäuschung, auch wenn ich nicht alle nominierten Filme gesehen habe. Ausserdem hegte ich leise Hoffnungen, dass “The Sound of Insects” auch bei den Oscars reüssieren könnte.