Rezension: “Shutter Island” von Martin Scorsese
Neu im Kino, Rezensionen | 3. März 2010 von Andreas Weber
Martin Scorsese macht ein weiteres Mal kein langweiliges Alterswerk, sondern erforscht mit souveräner Routine das Genre des psychologischen Thrillers. Fesselnd und mit einigen durchaus anregenden Untertönen.
1954: Shutter Island ist eine Hochsicherheitsanstalt für psychisch kranke Straffällige. Wie Alcatraz gilt die felsige Insel als absolut ausbruchssicher. Und doch, eine unter den Insassen vermochte aus ihrer Zelle zu entkommen. Eine Mutter, die ihre eigenen Kinder getötet hat. Eine Fähre bringt den US-Marshall Teddy Daniels (Leonardo DiCaprio) nach Shutter Island, der die Suche nach der Verschwundenen auf dem unwirtlichen Terrain der Insel unterstützen soll. Ihn begleitet ein ihm neu zugewiesener Partner: Chuck Aule (Mark Ruffalo). Die Atmosphäre auf Shutter Island ist höchst angespannt und auch die Kooperation mit dem Leiter der Anstalt Dr. Cawley (Ben Kingsley) verläuft alles andere als reibungslos. Die Ermittlung scheint fruchtlos zu sein, doch ein heftiger Sturm hält Teddy und Chuck weiterhin auf der Insel fest. In schubartig auftretenden Flashbacks und Alpträumen Teddys wird auch klar, dass dieser ganz persönliche Gründe hat, auf Shutter Island zu sein. Während die beiden Marshals immer tiefer in das dunkle Herz der Anstalt dringen, durchlebt Teddy auch eine Reise in die dunkelsten Abgründe seines Innenlebens.
Genrefilm: alt und neu
Nach dem Oscar-Erfolg von “The Departed” (2006), Scorseses letztem Film, ging der legendäre italo-amerikanische Regisseur bei “Shutter Island” scheinbar sehr gelassen zu Werk. So ungezwungen und nicht pejorativ gemeint auch routiniert wirkt sein neuer Film. Mit DiCaprio spannt Scorsese wieder mit seinem seit Jahren favorisierten Lead zusammen; auch die Geschichte, die er in “Shutter Island” erzählt, und das Genre dem sie entspringt, liegt Scorsese ganz klar am Herzen. Scorseses Liebe für die B-Movies seiner Jugendzeit kommt deutlich zum Zug. Zu jenen tief büdgetierten Filmen, die filmhistorisch unüberschätzbar wichtig sind, denn als geringes Risiko für die Studios vermochten sie oftmals ein fruchtbarer Boden für filmische Experimente und subversive Botschaften zu sein. Insbesondere darf man bei “Shutter Island” wohl an Samuel Fullers “Shock Corridor” (1963) denken, in dem ein Irrenhaus zur Metapher für die amerikanische Gesellschaft wird. Doch der Reminiszenzen sind in “Shutter Island” viele, besonders aus dem Bereich des psychologischen (Grusel-)Thrillers.
“Shutter Island” ist sicherlich mehr als eine gelungene Homage an vergangene Triumphe des Genre-Kinos. Mit seiner doppelbödigen Struktur, von der man sich während des Films angenehm überraschen lassen darf (es sei denn, man ist mit einer vorherseherischen Gabe gesegnet bzw. bestraft), entspricht er auch durchaus aktuellen Genre-Standards. Einen Aktualitätswert besitzt auch die Welt, die Scorsese beschwört: ein von den Ängsten des McCarthyism geplagtes Amerika, in dem überall kommunistische Verschwörungen zu lauern scheinen, in dem aber auch das Vertrauen in eine selbst verschwörerische, die Bevölkerung bespitzelnde Regierung plötzlich brüchig wurde. Die Parallele zur Gegenwart ist natürlich der Krieg gegen den Terrorismus, und der Zuschauer mag sich zwischendurch fragen, ob Shutter Island wirklich an der Heilung seiner Insassen interessiert ist, oder ob es nicht vielmehr eine Art Proto-Guantanamo ist.
Die innere und die äussere Welt
“Shutter Island” zeichnet sich durch ein höchst effektives Raumkonzept aus, durchaus im Geiste grosser Horror-Klassiker wie etwa “The Shining” (1980). Die gesamte Handlung spielt sich auf sehr beschränktem Raum ab. In der ersten Einstellung taucht eine Fähre aus dichten Nebelschwaden auf und bringt Teddy und Chuck nach Shutter Island. Die Wirklichkeit und Bodenständigkeit des Festlands bleibt also hinter dieser Nebelwand verborgen und ist gar nicht so unmittelbar real wie die Ereignisse auf der abgeschiedenen, ja von der Welt eigentlich abgeschnittenen Insel. Die Anstalt selbst ist symmetrisch in die Zellentrakte A und B für die “gewöhnlichen” Insassen männlichen respektive weiblichen Geschlechts eingeteilt. Zellentrakt C ist etwas erhöht gelegen eine wahre Festung: In ihm sind die gefährlichsten der inhaftierten Verbrecher weggesperrt. Am mysteriösesten ist jedoch der Leuchtturm der Insel und in ihm erahnt Teddy die düstersten Geheimnisse. Ein natürlich recht ironischer Zug, bedenkt man, dass ein Leuchtturm als Wegweiser des sicheren Weges eigentlich eine positive Konnotation haben sollte.
Die äusserlichen Raumverhältnisse sorgen in “Shutter Island” für nervenaufreibende Spannung, doch der Einblick in Teddys Gedankenwelt verleiht dem Film zusätzlich an psychologischer Tiefe. In Rückblenden, welche in ihrer stilisierten, beinahe kitschigen Ästhetik, einen krassen Gegensatz zur felsigen, sturmgepeitschten Insel und dem düsteren, kargen Innern der Anstalt bilden, erfährt man vom tragischen Tod seiner Frau (Michelle Williams), der direkt mit seinem Interesse, eigentlich eine beinahe krankhafte Fixierung, an Shutter Island verknüpft ist. Ausserdem überfallen Teddy immer wieder ähnlich stilisiert inszenierte Flashbacks an die Befreiung des KZ Dachau, derer er als Infanterie-Soldat Zeuge wurde (wieder kommt Fuller in den Sinn, der die als Soldat miterlebte Befreiung des KZ Falkenau erst Jahrzehnte später im autobiographischen Kriegsfilm “The Big Red One” (1980) verarbeitete). Immer nachdrücklicher, schliesslich auch in beängstigend lebendigen Alpträumen, dringt die Vergangenheit auf Teddy ein. Und dabei birgt gerade die Gegenwart akute Gefahr: Auf Shutter Island scheint irgend etwas faul zu sein. Und je tiefer der vom Sturm zum Bleiben Verurteilte in die Geheimnisse der Insel vordringt, desto bedrohlicher wird sie für ihn.
Die Ambivalenz des Menschen
Teddy ist als verbissener Ermittler mit einer tief traumatischen Vorgeschichte natürlich eine spannende Figur. Und DiCaprios Spiel ist zum Glück intensiv genug, dass er beinahe allein schon den ganzen Film zu tragen vermag. Doch mit ihren kleineren Rollen sind auch Ruffalo und Kingsley hervorragend. Gerade Letzterem gelingt eine sehr ambivalente Darstellung des medizinischen Leiters der Anstalt. Er scheint eine Art Vaterfigur für seine Patienten zu sein (er besteht immerzu darauf, die Insassen so und nicht anders zu nennen), doch strahlt er auch eine sehr strenge und kalte Autorität aus. Diese Ambivalenz macht auch den geheimnisvoll düsteren Reiz von Shutter Island aus und zieht den Zuschauer in seinen Bann.
Äusserst fesselnd ist der Film schliesslich auch rein visuell. Für die Kamera verantwortlich war Robert Richardson, mit dem Scorsese schon in “Casino” (1995) und “The Aviator” (2004) kollaborierte. Seine Bilder sind von bestechender Klarheit und akzentuieren doch gerade das Verborgene, das hinter den Oberflächen bedrohlich lauert – und gleichzeitig Teddy wie magisch anzieht. Nicht unerwähnt bleiben darf ausserdem die Musik, welche die schaurige Atmosphäre des Films ganz entscheidend prägt. Anstelle aus eigens für den Film komponierter Musik besteht der Soundtrack primär aus Stücken der modernen Klassik. Cage bearbeitet mit minimalistisch gehämmertem Piano das Nervengewand des Publikums und ein zentrales Penderecki-Stück steht ebenso erhaben und zugleich unheimlich in der Brandung wie die Shutter Island selbst. Beinahe ist es ein erlösender Moment, wenn in Dr. Cawleys Studierzimmer Mahler ertönt – doch gerade dieses Stück ist für Teddy untrennbar mit dem KZ Dachau verknüpft. Das Schöne, welches Abgründiges beherbergt. Wobei sich “Shutter Island” – nicht ohne Genuss – primär Letzterem widmet.
Infos:
“Shutter Island”, USA 2010, 138 Min., R: Martin Scorsese, D: Leonardo DiCaprio, Mark Ruffalo, Ben Kingsley, Michelle Williams, Emily Mortimer, Max von Sydow, Patricia Clarkson, Jackie Earle Haley, Ted Levine, John Carroll Lynch, Elias Koteas, V: Universal.
Im Kino ab: 04.03.2010














= Meisterwerk









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